Radfahren spielt große Rolle für Mobilität

21. Mai 2014 zur Übersicht

Artikel erschienen im Freien Wort vom 21.5.2014


Sonneberg - Gegenwind formt den Charakter, heißt es. Diesen Gegenwind spürt Michael Cramer nicht nur, wenn er seiner Leidenschaft auf zwei Rädern nachgeht. Auch beruflich steht er mitnichten immer mit dem Wind. Cramer ist Abgeordneter des Europäischen Parlaments, seit zehn Jahren sitzt er für die Grünen in Brüssel und beschäftigt sich im Ausschuss für Verkehr und Fremdenverkehr mit allerlei Themen rund um moderne Mobilität. Am Montag war er in der Sonneberger Villa Amalie zu Gast und referierte über den großen Iron Curtain Trail (ICT), Chancen des Radtourismus und die Gefahr eines europäischen Populismus von Rechts. Es ist nicht sein erster Vortrag: Geübt spricht der studierte Lehrer über den 10 000 Kilometer langen Europa-Radweg Eiserner Vorhang von Nordfinnland bis zum Schwarzen Meer. In Sonneberg war vor fünf Jahren der erste Teil, welcher offiziell als ICT ausgeschildert worden ist. Nun gibt es mehr solcher Schilder, in ganz Europa. "Sonneberg war Vorbild", freut sich Cramer.

Er selbst ist seit über 30 Jahren nur mit Fahrrad unterwegs und kennt den ICT wie seine Westentasche, hat sogar einige Bücher darüber verfasst. Warum ihm als gebürtigen Westfalen dieser Radweg so viel bedeutet? "Wir müssen uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen, um unsere Zukunft zu meistern." Auf die Fragen des Grünen-Kreisrats Filip Heinlein nach hiesigen Chancen des Radtourismus erklärt Cramer, solche böten sich vor allem für Regionen mit Geschichte. Hierzu gehört Sonneberg zweifelsohne, verliefen doch etwa 90 Kilometer der Kreisgrenze entlang des Eisernen Vorhangs. Überhaupt habe sich der Tourismus in den vergangenen Jahren geändert: Radeln sei schick geworden, Radler seien bei Gastronomen und Hoteliers beliebter denn je. Einen Vorschlag hatte Thomas Heinlein parat und erntete Zuspruch des europäischen Experten. Das Problem, keine Radler ins "Entwicklungsland Sonneberg" zu bekommen, ließe sich beispielsweise mit einem Radweg entlang der Steinach lösen. Der Landkreis würde von solchen Projekten profitieren. Immerhin spiele das Rad in ländlichen Regionen, in denen der öffentliche Nahverkehr nicht so stark ausgeprägt ist wie in großen Städten, eine wichtige Rolle für die tägliche Mobilität - für Touristen und Einheimische. Am Sonntag ist Wahl, da brannte den Anwesenden so manch heikle Frage unter den Nägeln. Grünen-Kandidat Donald Brückner fragte, wie Cramer die Gefahr der populistischen Rechtslastigkeit im neuen Parlament einschätze. "Die, die Europa verteidigen, ducken sich und halten den Mund", sagt Cramer, der darin ein mögliches Erstarken der Rechtspopulisten erkennen will. Gleichzeitig holt er gegen die Medien aus, die seiner Meinung nach lediglich geschützt im Dunstkreis der Wahlen berichten würden, ansonsten Europa aber eher mieden. Dabei gäbe es so viel Positives zu berichtet, erzählt Cramer. Die Senkung und baldige Abschaffung der Roaming-Gebühren wären ohne die EU nicht möglich gewesen, ebenso die gestärkten Fahrgastrechte und die Anrechnung von Bereitschaftszeiten an die Arbeitszeit. Den Unmut über "die in Brüssel" könne er nicht nachvollziehen, immerhin sei die EU das transparenteste Parlament überhaupt. Die Menschen müssen sich nur darauf einlassen wollen.