Keine Grenzen für die Giganten der Straße?

16. April 2013 zur Übersicht

An den Gigalinern scheiden sich die Geister: Sind die überlangen Laster eine Gefahr für die Umwelt oder sogar gut fürs Klima? Die EU-Kommission gab jetzt auf jeden Fall grünes Licht für grenzüberschreitende Fahrten. Ein Artikel von Detlef Drewes und Teresa Dapp, erschienen in der Saarbrücker Zeitung am 16.04.2013

Sie sind 25,25 Meter lang und bis zu 60 Tonnen schwer. Bisher dürfen die Giganten der Straße in Europa nur auf genau vorgezeichneten Routen in einigen Mitgliedstaaten Lasten transportieren. Doch das soll sich ändern: Die EU-Kommission hat nach den ersten Versuchsergebnissen aus den Ländern grünes Licht für grenzüberschreitende Fahrten der Gigaliner gegeben. Voraussetzung ist aber die Genehmigung der zuständigen Regierungen.

In Deutschland läuft seit Anfang 2012 ein Test für Transporter, die bis zu 6,50 Meter länger sind als bisher erlaubt und höchstens 40 Tonnen wiegen – jedoch nur auf bestimmten Strecken. So lassen die Bundesländer Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen sie testweise auf die Straße. Schweden und Finnland genehmigen die XXL-Lastwagen mit mehr als 40 Tonnen Gewicht und einer Länge von mehr als 18,75 Metern bereits offiziell. In den Niederlanden und Dänemark gibt es Versuche. Das heißt: Sollten sich Schleswig-Holstein und Dänemark einigen, könnten in beiden Ländern Gigaliner fahren. Gleiches würde etwa auch für Bayern und Tschechien oder Nordrhein-Westfalen und die Niederlande gelten. Auf welchen Straßen die Riesenlaster rollen, müssten beide Staaten unter sich ausmachen.

EU-Parlament und Mitgliedstaaten müssen dem Entwurf noch zustimmen. Doch EU-Abgeordnete protestieren: „In Wahrheit versucht die Kommission damit den Einstieg in eine EU-weite Einführung“, sagte Michael Cramer, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen. Der Druck auf andere Staaten sei groß, hier nachzuziehen. Auch der SPD-Europaabgeordnete Ismail Ertug warnte: „Unsere Infrastruktur ist einfach nicht für Gigaliner gemacht.“ Gegner befürchten, dass sie Straßen und Brücken beschädigen und die Treibhausgas-Emissionen steigen, weil mehr Fracht auf der Straße statt mit dem Zug transportiert werden könnte. Befürworter halten dagegen, ein Lang-Lkw sei besser fürs Klima als mehrere kleinere Laster. Lob für den EU-Vorschlag gab es aus der Autobranche. „Der grenzüberschreitende Einsatz von Lang-Lkw ist ein pragmatischer Schritt, um die Leistungsfähigkeit und Effizienz des Güterverkehrs in Europa weiter zu steigern“, teilte der Verband der Automobilindustrie (VDA) mit.

Aber auch ohne die „Monster-Trucks“ sollten sich die Bundesbürger auf Lkw einstellen, die ein bisschen länger und schwerer sind: 15 Zentimeter und eine Tonne mehr Nutzlast hat die Kommission den Herstellern nun zugestanden – im Dienste der Umwelt. Das leicht erhöhte Gewicht wird nötig, um im Lkw von morgen Batterien für Elektro- und Hybridantriebe unterzubringen, ohne die Zuladung verringern zu müssen. Weitere 15 Zentimeter Länge spendierte die Kommission den Lastern, damit sie die weltweit besonders verbreiteten 45-Fuß-Container ohne Probleme und ständiges Beantragen von Sondererlaubnissen transportieren können.

Zudem wird eine neue Bauweise die Aerodynamik der bisherigen „Klötze auf Rädern“ verbessern helfen. Fahrerhäuser mit futuristisch anmutender, abgerundeter Form und seitliche Luftleiteinrichtungen am hinteren Teil können den Widerstand der schweren Fahrzeuge erheblich reduzieren, heißt es in dem Papier aus Brüssel. Bei 100 000 Kilometer Jahresleistung seien Spritersparnisse von bis zu 5000 Euro möglich. Deutsche Lkw legen derzeit rund 27 Milliarden Kilometer pro Jahr zurück. Für sie würde der Vorschlag der Kommission eine Einsparung von rund 1,3 Milliarden Euro und über zwei Millionen Tonnen CO bedeuten.