Fahrradmitnahme muss auch im ICE möglich sein

22. Juni 2009 zur Übersicht

Mein Brief an Herrn Dr.Grube, Vorstandsvorsitzender der DB

Am 15. Juni richtete ich folgenden Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn, Herrn Dr.Grube, um um eine kunden- und klimafreundliche Umsetzung der neuen Fahrgastrechte in Bezug auf die Fahrradmitnahme in ICEs zu bitten:

Sehr geehrter Herr Dr. Grube,

zu Ihrer Ernennung als neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG möchte ich Ihnen sehr herzlich gratulieren. Für Ihre Aufgabe, das Unternehmen erfolgreich aus seiner derzeitigen Krise herauszuführen, wünsche ich Ihnen und uns allen viel Erfolg. Die Bedeutung der umweltfreundlichen Eisenbahn für eine zukunftsfähige Verkehrspolitik in Deutschland und Europa kann kaum überschätzt werden.

Bei meiner Arbeit im Europäischen Parlament ist mir die Förderung nachhaltiger Mobilität ein besonderes Anliegen. Angesichts der Folgen des Klimawandels ist es unerlässlich, alternative Verkehrsmittel wie Zug, Bus und Fahrrad stärker als bisher zu fördern. Um deren Nutzung attraktiver zu gestalten, müssen sie auch möglichst unkompliziert verknüpft werden können.

Wie Sie wissen, haben das Europäische Parlament und der Europäische Ministerrat im Rahmen des Dritten Eisenbahnpakets schon am 23. Oktober 2007 die Verordnung (EG) Nr. 1371/2007 über Rechte und Pflichten der Fahrgastrechte im Eisenbahnverkehr beschlossen. Damit sollen ab dem 1. Januar 2010 die Fahrgastrechte europaweit im Fernverkehr verankert werden. Dem hat vor kurzem auch der Deutsche Bundestag zugestimmt.

Aufgrund eines gemeinsamen Antrages von drei Fraktionen - Reinhard Rack (EVP), Said El Khadraoui (ESP) und Michael Cramer (Grüne) - wurde vor zwei Jahren im Europäischen Parlament in Artikel 5 Folgendes mit großer Mehrheit beschlossen:

" Fahrräder

Die Eisenbahnunternehmen ermöglichen den Fahrgästen die Mitnahme von Fahrrädern im Zug, gegebenenfalls gegen Entgelt, wenn sie leicht zu handhaben sind, dies den betreffenden Schienenverkehrsdienst nicht beeinträchtigt und in den Fahrzeugen möglich ist."

Das Schlupfloch "wenn sie leicht zu handhaben sind, dies den betreffenden Schienenverkehrsdienst nicht beeinträchtigt und in den Fahrzeugen möglich ist" wurde übrigens auf Betreiben von Bundesverkehrsminister Tiefensee in den Kompromiss von Rat, Kommission und Parlament aufgenommen, weil die DB AG der Meinung war, dass eine Fahrradmitnahme im ICE "den Betriebsablauf stört."

Nicht nur das Europäische Parlament, auch der Deutsche Bundestag und der Deutsche Bundesrat haben die DB AG wiederholt aufgefordert, die Fahrradmitnahme auch im ICE zu ermöglichen. Bundesverkehrsminister Tiefensee hatte sogar öffentlich dem ADFC zugesagt, die Fahrradmitnahme auf einigen Pilotstrecken auszutesten. Leider wartet die Öffentlichkeit schon seit mehr als einem Jahr auf die Realisierung dieses Versprechens.

Während es offensichtlich für die Ingenieure der DB AG eine zu schwierige Aufgabe ist, haben andere Eisenbahnunternehmen in Europa unter Beweis gestellt, dass eine Fahrrad-mitnahme auch in Hochgeschwindigkeitszügen problemlos möglich ist. Im Eurostar zwischen Paris und London, im neuen Thalys zwischen Paris über Brüssel nach Köln und auch im TGV zwischen Stuttgart und Paris kann der Fahrgast sein Fahrrad mitnehmen, wobei die alten Thalys-Züge sogar dafür nachgerüstet werden. Nur im ICE zwischen Frankfurt am Main und Paris ist dem Fahrgast die Fahrradmitnahme nicht gestattet.

Wiederholt habe ich Ihren Vorgänger, Herrn Mehdorn, auf dieses Defizit angesprochen. Bei unserem letzten Treffen mit deutschsprachigen Mitgliedern des Europäischen Parlaments Anfang Februar in Straßburg hatte er auf meine Frage nach der Behinderten-gerechtigkeit und der Fahrradmitnahme im ICE wie folgt geantwortet: "Bei den neuen Hochgeschwindigkeitsprodukten werden wir ein Mehrzweckabteil mit besonderer Einstiegsmöglichkeit versehen, das dann auch die Fahrrad-Mitnahme ermöglicht".

Die Fahrgäste im ICE der DB AG wollen aber mit der Fahrradmitnahme nicht bis 2020 warten. Der Fahrradtourismus boomt seit mehr als 20 Jahren mit zweistelligen Zuwachs-raten pro Jahr. In den Urlaubsländern Schweiz und Österreich kommen mehr als 50 % aller Fahrradtouristen aus Deutschland. Und auch in Deutschland werden immer mehr fahrradfreundliche Routen ausgewiesen.

Trotz dieser positiven Entwicklung hat sich die Situation für die Fahrradtouristen bei der DB AG durch die ersatzlose Streichung der InterRegio-Züge und vieler IC-Züge dramatisch verschlechtert. Wer heute sein eigenes Fahrrad in der Bahn mitnehmen möchte, kann sein Urlaubsziel meist nur mit mehrfachem Umsteigen und großen Zeitverzögerungen erreichen. Zudem ist eine Reservierung meist nur in Ausnahmefällen möglich.

Der von Herrn Mehdorn angekündigte Kurswechsel der DB AG ist zu begrüßen. Da die bisherigen ICE-Züge aber noch jahrzehntelang im Einsatz sind, möchte ich Sie recht herzlich bitten, dem französischen Thalys-Vorbild zu folgen und auch den deutschen ICE schnellstmöglich für die Fahrradmitnahme nachzurüsten. Hiervon würden nicht nur Ihre Kundinnen und Kunden, sondern auch das Klima profitieren.

Mit freundlichen Grüßen,

Michael Cramer