Zum 50. Jahrestag des 17. Juni 1953

13. November 2003 zur Übersicht

Über eine Million Menschen protestierten am 17. Juni 1953 gegen die SED-Führung. Ein Blick zurück, 50 Jahre danach

Nach heutigen Erkenntnissen beteiligten sich am Aufstand der "5 Tage im Juni" (Stefan Heym) in etwa 700 Städten und Gemeinden über 1 Million Menschen. Dabei kam es zu Streiks, Demonstrationen und Kundgebungen, zu Erstürmungen staatlicher und öffentlicher Gebäude. Der Berliner Historiker Wolfgang Ribbe beschreibt die Stimmung am Mittag des 16. Juni so:

"Als weder Grotewohl noch Ulbricht erschienen, ertönten Sprechchöre und erstmals auch politische Rufe wie "Nieder mit der Regierung!" Als die Rufe anhielten, wurde ein Tisch vor die Eingangstreppe getragen und in die Menge gestellt. Der Minister für Hüttenwesen und Bergbau, Fritz Selbmann, erschien und sprach. Er wurde durch ständige Zwischenrufe unterbrochen. Als er rief "Ich bin doch selbst ein Arbeiter!" antwortete ihm die Menge "Das hast du aber längst vergessen", auf die Anrede "Liebe Kollegen!" schrie ihm die Menge zu "Du bist nicht unser Kollege - du bist ein Lump und Verräter!" Dann sprang ein Arbeiter auf das Podium und sagte: "Was Du uns erklärt hast, interessiert uns überhaupt nicht. Wir wollen frei sein. Unsere Demonstration richtet sich nicht nur gegen die Normen. Wir kommen nicht nur von der Stalinallee, sondern aus ganz Berlin. Das hier ist eine Volkserhebung. Wir fordern freie und geheime Wahlen!"

Der Aufstand in Berlin wurde am nächsten Tag von sowjetischen Panzern niedergeschlagen, die SED-Führung, die schon Evakuierungspläne ausgearbeitet hatte, "wenn die Konterrevolution siegt" (Erich Honecker), hätte es alleine niemals geschafft.

In den Tagen und Wochen danach wurden dreizehn- bis fünfzehntausend Personen verhaftet, mindestens 2 300 davon sind von sowjetischen und ostdeutschen Gerichten verurteilt worden. Sowjetische Standgerichte erschossen achtzehn Menschen, zwei wurden von ostdeutschen Gerichten zum Tode verurteilt. Zwischen sechzig und achtzig Demonstranten kamen auf den Straßen und Plätzen bei Demonstrationen oder Erstürmungen öffentlicher Gebäude ums Leben. Zehn bis fünfzehn SED-Funktionäre und Mitarbeiter der Polizei- sowie Sicherheitsorgane der DDR fanden ebenfalls den Tod.

Entzündet hatte sich der Aufstand an den von der Regierung beschlossenen Normenerhöhungen. Die zentralen Forderungen der Demonstranten waren aber hochpolitisch und für die Verhältnisse in der DDR revolutionär:

- Freie und geheime Wahlen in ganz Deutschland

- Aufhebung der Zonengrenzen und Friedensvertrag für ganz Deutschland

- Freiheit für alle politischen Gefangenen

Die Unzufriedenheit in der DDR hatte insbesondere nach der 2. SED-Parteikonferenz vom Juli 1952 zugenommen, auf der der "Aufbau des Sozialismus" beschlossen wurde. Das bedeutete zum einen die Konzentration der finanziellen und ökonomischen Ressourcen auf die Schwerindustrie zu Lasten der alltäglichen Versorgung der Bevölkerung und zum anderen die aus ideologischen Gründen forcierte Übertragung des sowjetischen Systems auf die DDR.

Die Kollektivierung der Landwirtschaft, der Kirchenkampf und die Aktionen gegen selbstständige Unternehmer, Handwerker und Gewerbetreibende führte nicht nur zu einer starken Versorgungskrise, sondern auch zu einer wachsenden Zahl politischer Häftlinge (70.000) und einer vehement ansteigenden Fluchtbewegung (300.000 Flüchtlinge im ersten Halbjahr 1953).
In der DDR wurde der Aufstand des 17. Juni offiziell verleugnet, er galt als "faschistischer Putsch", der von westlichen Geheimdiensten langfristig organisiert und durchgeführt worden sei. Bis zum Ende der DDR war er für die Machthaber Inbegriff der Bedrohung durch das eigene Volk und damit Grund und Anlass, das "gefährliche" Volk zu bespitzeln, einzuschüchtern und einzumauern. Die These, dass der Aufstand von westlichen Geheimdiensten gesteuert wurden, konnte die SED niemals belegen. Heute wissen wir, dass es sich um einen spontanen Aufstand handelte, der die Geheimdienste nicht nur im Osten, sondern auch im Westen überraschte.

In der Bevölkerung hinterließen die enttäuschte Freiheitshoffnung und der Schock, den die militärische Niederschlagung und die anschließenden Massenverhaftungen auslösten, tiefe Spuren. Sie waren so tief, dass selbst die DDR-Opposition diesen Tag ignorierte.

Im Westen wurde der 17. Juni seit 1954 als Tag der deutschen Einheit begangen. Während in den ersten Jahren noch Hunderttausende des Tages gedachten, wurde er später vom konservativen Teil der Gesellschaft als "ihr" Tag vereinnahmt, dem die Linke nichts entgegen zu setzten wusste. In den letzten Jahren wurde er von der gesamten Bevölkerung mehr als willkommener Urlaubstag denn als Gedenktag genutzt.

Auch die Grünen haben den Aufstand nicht gewürdigt. Als sie1983 erstmalig in den Deutschen Bundestag einzogen, haben sie geschlossen als Fraktion ihre Teilnahme an der Feierstunde des Bundestages zum 30. Jahrestag des 17. Juni verweigert. Darüber hinaus forderten sie, den Feiertag ersatzlos zu streichen.
In diesem Jahr begehen wir den 50. Jahresstag des 17. Juni und das, was damals geschah, scheint heute geklärt. Trotzdem bleiben Fragen offen:

• Warum ist der 17. Juni ein Tag, an dem die Deutschen sich nicht wiedererkennen, obwohl er das erste Ereignis war, das Deutschland in der Welt wieder respektabel machte? Klaus Harpprecht, Journalist und Redenschreiber für Willy Brandt nennt ihn den ersten Schritt auf dem langen Weg bis zum Kniefall von Warschau.

• War der 9. November 1989 der Tag, an dem sich das Versprechen des 17. Juni erfüllt hat und nähern wir uns nach 50 Jahren der Einschätzung von Herbert Wehner, der am 1. Juli 1953 im Bundestag Folgendes ausführte:
"Und das alles mündete in dieses glühende Bekenntnis, für das in Berlin an einem Tag ein fast hundertprozentiger Generalstreik war und für das in der Zone Hunderttausende unter Lebensgefahr gestreikt haben, in dieses glühende Bekenntnis: Wir wollen nicht mehr in einem gespaltenen Deutschland leben, wir wollen Wiedervereinigung! Das mag etwas sein, das uns berechtigt, mit einem Wort von Karl Marx zum Gedenken an die Juni-Kämpfer von Paris des Jahres 1848 zu sagen: Die Arbeiter sind zwar geschlagen worden, aber sie sind nicht besiegt. (Lebhafter Beifall im ganzen Haus, außer bei der KPD.) Besiegt sind ganz andere, das wird die Geschichte lehren!"

Und die Geschichte lehrte folgendes: Der 17. Juni 1953 war der erste Volksaufstand im sowjetischen Machtbereich nach dem 2. Weltkrieg. Ihm folgten die Revolution in Ungarn (1956), der Prager Frühling in der Tschechoslowakei (1968) und die Solidarnosc-Bewegung in Polen (1980-1981). Mit Michail Gorbatschows Glasnost und Perestroika nach 1985 kam Bewegung in die Ost-West-Beziehungen. Die Aktivitäten der Gewerkschaft Solidarnosc in Polen, die erfolgreiche Orientierung der Ungarn nach Westen und der Abbau des Stacheldrahts an der ungarisch-österreichischen Grenze bereiteten den Fall der Berliner Mauer vor.

In Sinne von Sören Kierkegaard: "Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden" können wir heute sagen, dass sich das Vermächtnis des 17. Juni am 9. Oktober 1989 erfüllte, als in Leipzig in der entscheidenden Phase der "friedlichen Revolution" der Mut der Demonstranten größer war, als die Angst vor der Staatsgewalt und sie zu Zehntausenden auf die Straße gingen. Diesem 9. Oktober folgte dann der 9. November 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer.

Mir ist es bis heute unverständlich, warum der "Tag der deutschen Einheit" ohne lautstarken Protest vom 17. Juni auf den 3. Oktober verlegt wurde - weg vom Protest Hunderttausender hin zu den paar Männern, die glaubten, mit ihrer Unterschrift Geschichte gemacht zu haben. Ich plädiere dafür, dass wir uns den 17. Juni 1953 wieder aneignen und ihn in die Reihe der positiven Tage in der deutschen Geschichte stellen: Die März-Revolution von 1848, die November-Revolution von 1918, der Aufstand vom 17. Juni 1953 und die Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989.