Vor 25 Jahren starb Rudi Dutschke

28. Dezember 2004 zur Übersicht

Rede zum 25. Todestag von Rudi Dutschke.

Heute vor 25 Jahren, am Heiligen Abend 1979, starb Rudi Dutschke. Ich kann mich noch genau an die Gollwitzer-Predigt auf seiner Beerdigung erinnern, und wie danach die über den ganzen Friedhof verstreute Trauergemeinde plötzlich die Internationale sang – ganz leise, ganz sanft wurde das „Menschenrecht“ besungen.

Rudi Dutschke starb an den Folgen der Kopfverletzungen, die ihm bei dem Attentat 11 Jahre zuvor, am 11. April 1968, zugefügt wurden. All das geschah hier, vor der damaligen Geschäftsstelle des SDS am Kurfürstendamm. Mit dem Attentäter Josef Bachmann, der Rudi nie gesehen hatte, bevor er die Schüsse auf ihn abgab, und der sich später im Gefängnis selbst das Leben nahm, hatte Rudi - der Gutmensch im besten Sinne des Wortes - nach seiner Genesung Kontakt aufgenommen.

„Wir haben es nicht vergessen, wer die wahren Mörder sind! Es war nicht der Mann mit dem Ballermann, dieses irre gemachte Kind“, dichtete Wolf Biermann. Rudi war Opfer einer heute kaum noch vorstellbaren Pogrom- und Lynchstimmung. Um die zu verdeutlichen, zitiere ich aus der „Welt“ vom Februar 1968, einer Zeitung, die wahrlich unverdächtig war, Sympathien für die revoltierenden Studenten zu haben:

Ein junger Mann wurde sogar verprügelt, weil ihn Demonstranten fälschlicherweise für Dutschke hielten. – Über einen Lautsprecher ertönte die Stimme eines Gewerk-schaftsfunktionärs: „Wer unsere Demokratie in Gefahr bringt, muss mit der Entschlossenheit der Gewerkschaft rechnen.“ Tosender Beifall. Bauarbeiter trugen ein Holzplakat mit der gelben Aufschrift: „Volksfeind Nr. 1 – Rudi Dutschke, raus mit dieser Bande!“ ...

Nach Schluß der Versammlung elektrisierte das Wort „Dutschke ist hier“ noch einmal mehr als 1 000 Personen. Unter Gejohle stürzte man sich zu dem vermeintlichen Aufenthaltsort des SDS-Ideologen. Man suchte Dutschke, doch man fand ihn nicht. Ein Bäckerladen wurde durchsucht, weil er angeblich dort sei; man rüttelte an einem Polizeifahrzeug, weil er sich hier versteckt haben sollte.

Schließlich wurde Dutschke in einem Geschäft für Grabsteine vermutet. ... Mehr als 100 Polizisten mit gezogenen Schlagstöcken mussten die Masse davor zurückhalten, das Geschäft zu stürmen. Ein anderer Augenzeuge hörte bei der Gelegenheit folgende Rufe: „Lyncht die Sau!“ – „Schlagt ihn tot!“ – „Kastriert das Judenschwein!“ – „Dutschke ins KZ!“

Das war die Stimmung seinerzeit. Es war ein SPD-Senat, der diesen „Volkszorn“ organisiert hatte und ihn schürte. Unterstützt wurde er von der CDU, den Gewerkschaften und insbesondere der Springer-Presse. Das war die Stimmung in Berlin, die im übrigen West-Deutschland nicht viel besser war.
Und auch die Weltlage war damals eine andere. Es tobte der Kalte Krieg, in den Ländern Südamerikas waren blutige Militärdiktaturen die Regel. Portugal und Spanien wurde von den bekannten faschistischen Brüdern im Geiste, Salazar und Franco regiert.

Die USA und auch die deutsche Bundesregierung stützten diese Regimes - auch wenn sie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie mit Soldatenstiefeln traten. Dagegen richtete sich der Protest der Studenten – nicht nur hier, auch weltweit – und insbesondere gegen das US-amerikanische militärische Engagement in Vietnam.

„Die Feinde meiner Feinde sind noch längst nicht meine Freunde“, sagte Rudi Dutschke unentwegt. Sein Ziel war die Befreiung der „Erniedrigten und Beleidigten“ – wie er sagte – die Emanzipation aller Menschen.

Deshalb bezeichnete er die Sowjet-Union auch in der Hochphase des Vietnam-Kriegs immer nur als halbe Verbündete. Positiv würdigte er die sowjetische politische Unterstützung des Vietkong, kritisierte aber in aller Schärfe ihren Verrat an den Idealen des Sozialismus. Eine solche Macht konnte für Rudi kein Bündnispartner für die Emanzipation der Menschen sein.

Bei seiner Kritik am realen Sozialismus war Rudi natürlich auch von seinen Erfahrungen in der DDR geprägt. Aufgewachsen in Luckenwalde, hielt er 1958 anlässlich seiner Abiturfeier die erste kritische Rede. Er war nicht bereit, den Dienst in der Nationalen Volksarmee der DDR zu leisten, weil er als Mitglied der Jungen Gemeinde in der DDR in der kirchlichen Opposition stand und weil er mit beispiellosem Mut in seiner Schule gegen das DDR-Regime redete und auftrat.
In der DDR ließ man ihn nicht studieren. Deshalb wiederholte er das Abitur in West-Berlin, wohnte aber noch in Luckenwalde. Am 11. August 1961, zwei Tage vor dem Mauerbau, zog er nach West-Berlin, um an der FU Soziologie zu studieren. Auch aufgrund dieser Erlebnisse war Rudi immun gegen auch die süßesten Schalmeienklänge von DKP, SEW oder SED.

„Unzweideutig“ – eines seiner Lieblingswörter – bezog er Position gegen die Verletzung der Menschenrechte und warnte seine Kampfgefährten immer wieder davor, mit einem Bein weder in Moskau noch in Peking zu stehen, sondern stets mit beiden Beinen auf der Seite der „Erniedrigten und Beleidigten“!

In der alten Bundesrepublik gab es nämlich eine gefährliche große Koalition der Einäugigen: Die Linke beklagte die Menschenrechtsverletzungen in der westlichen, die Rechte die in der östlichen Hemisphäre der zweigeteilten Welt.
Rudi allerdings – zusammen mit Heinz Brandt, Ralph Giordano, Wolf Biermann und Robert Havemann - war beides: Antifaschist und Antistalinist. Er schaute nicht nur mit beiden Augen sondern auch immer auf beide Deutschländer. Mit Vehemenz unterstützte er das Russel-Tribunal gegen die Berufsverbote, forderte aber mit der selben Vehemenz - leider vergeblich - auch die DDR mit einzubeziehen. Immer wieder thematisierte er das Verhältnis der deutschen Linken zur Nationalen Frage, die von der Rechten okkupiert schien. Mit Wolf Biermann war er sich einig, der dichtete: „Die Deutsche Einheit, wir dulden nicht, dass nur das braune Pack davon spricht!“

Rudi Dutschke hat mich geprägt. Begegnet bin ich ihm erst nach dem Attentat. An drei Beispielen möchte ich das festmachen:

- Als ich im Sommer 1974 nach Berlin kam, kaufte ich mir am Büchertisch der TU sein gerade erschienenes Buch: „Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen“, womit er auch unterstrich, dass er intellektuell wieder auf der Höhe war. Dieses Buch habe ich damals mit Begeisterung gelesen, es hat mich stark beeindruckt. Insbesondere das Kapitel über die falsche Nationalitätenpolitik der Sowjet-Union - einer der Gründe, warum Lenin Stalin als Nachfolger ablehnte - ist gerade heute noch - von außerordentlicher Aktualität. Die Lektüre dieses Kapitels ist nicht nur dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, sondern auch dem russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin dringendst zu empfehlen!

- Auch das Vorwort hatte mich gefesselt. In ihm setzte er sich mit Solschenizyns „Archipel GULAG“ auseinander, das soeben erschienen war. Während solche Bücher von großen Teilen der Linken abgelehnt wurden - meist ohne sie überhaupt gelesen zu haben - bezog Rudi unzweideutig Position und setzte sich auch mit diesem Dissidenten kritisch-solidarisch auseinander.

- Im Juni 1978 diskutierten Rudi Dutschke und Dany Cohn-Bendit mit Matthias Walden, dem Chefrredakteur des Springer-Konzerns, über den aufrechten Gang in Richtung Freiheit. Es war für mich ein Genuss, Rudi und Dany - zweiäugig - für die konkrete Utopie des Reichs der Freiheit streiten zu sehen, wobei sie dem - einäugigen - Chefideologen des Springer-Konzerns nicht den Hauch einer Chance gaben.

Seit Rudis Tod sind 25 Jahre vergangen, die Welt hat sich gewaltig verändert. Das gespaltene Deutschland ist nicht mehr geteilt. Nicht nur Portugal und Spanien, auch Polen und Tschechien sind Mitglieder der EU geworden. Die durch den Hitler-Stalin-Pakt zerstörten baltischen Staaten Estland, Lettland, Litauen haben sich nicht nur vom Stalinismus befreit, sie haben ihre Souveränität auch wieder erlangt und sich in Volksabstimmungen mit überwältigender Mehrheit für die Mitgliedschaft in der EU entschieden.

Seit dem 1. Mai 2004, mit dem Beitritt der mittel- und osteuropäischen Staaten zur EU, ist die Nachkriegszeit wirklich zuende gegangen, wurde das durch den Eisernen Vorhang gespaltene Europa tatsächlich wieder vereinigt. Das war ein langer und beschwerlicher Weg: Vom 17. Juni 1953 in Deutschland über den Aufstand 1956 in Ungarn, den Prager Frühling 1968 in der Tschechoslowakei und die Solidarnosc-Bewegung im Polen der 80er Jahre.

Ich hätte mir gewünscht - und ich bin sicher, ich spreche für uns alle - dass Rudi Dutschke den Fall der Mauer in Berlin und den des Eisernen Vorhangs in Europa hätte miterleben dürfen. Das verhinderten - wie wir wissen - die Schüsse auf ihn.

Anlässlich des 25. Todestags wird in Berlin diskutiert, die Kochstraße nach dem führenden Kopf der Studentenbewegung umzubenennen. Ich halte das für ein außerordentlich gute Idee, auch deshalb, weil es dann eine Kreuzung Axel Springer/Rudi-Dutschke-Straße gibt. Die eine Straße wurde 10 Jahre nach dem Tod des „geistigen“ Attentäters umbenannt, die andere - hoffentlich - 25 Jahre nach dem Tod des Opfers. Trotz aller Unterschiede war ihnen eines gemein: Sowohl Dutschke als auch Springer fanden sich niemals mit der deutschen Teilung und der Berliner Mauer ab.

Im alten Berliner Zeitungsviertel war nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 von aufgebrachten Studentinnen und Studenten die Auslieferung der Springer-Zeitungen erfolgreich verhindert worden. Eine Kreuzung Axel Springer/Rudi-Dutschke-Straße wäre somit auch alltägliche Berliner Geschichtswerkstatt.

Nur wer seine Vergangenheit kennt, wird die Zukunft meistern, wird - so würde Rudi sagen - „aufrecht gehen“ können.

Auch wenn sich vieles verändert hat: die Emanzipation der Menschen, die Befreiung der Ausgebeuteten, Erniedrigten und Beleidigten, der Friede auf Erden – all das ist noch längst nicht Realität.

Deshalb sage ich abschließend im Sinne seiner und unserer Ideale: Rudi, der Kampf geht weiter!