"Ungleichzeitigkeit von Einheit und Freiheit"

17. März 2005 zur Übersicht

Gedenkstunde der "Aktion 18. März" an die Revolution von 1848 am Brandenburger Tor - Platz des 18. März. Grußwort von Michael Cramer

[Es gilt das gesprochene Wort]

Es gibt geschichtliche Situationen, schreibt der Historiker Heinrich August Winkler in seinem zweibändigen deutschen Geschichtsbuch "Der lange Weg nach Westen", die tragisch sind - "Situationen, in denen das, was dem rückblickenden Betrachter vernünftig erscheint, nicht Wirklichkeit werden konnte, weil die Verhältnisse mächtiger waren als die Vernunft".

Wir "rückblickenden Betrachter" können diesen Satz sicher doppelt unterstreichen, wenn wir heute auf die deutsche Revolution von 1848 zurückblicken, auf die Ereignisse ausgehend vom 18. März. Sie vermittelten Deutschland und seinen Bürgerinnen und Bürgern vor 157 Jahren das kurze Gefühl von Freiheit und von Einigkeit.

Die Vernunft gebot beides - Einheit und Freiheit. Doch die mächtige Realität sorgte schnell dafür, dass der kurze Traum, Deutschland als Ganzes sowohl in Demokratie als auch in Freiheit zu verfassen, scheitern sollte.

Das zersplitterte Land, der deutsche Flickenteppich mit seiner Kleinstaaterei, war historisch bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts überholt. Er widersprach nicht nur den wachsenden Notwendigkeiten einer sich industrialisierenden Gesellschaft. Gestatten Sie, dass ich als Verkehrspolitiker hier unweigerlich sofort an die Spurbreiten von Eisenbahnen denken muss. Es ging auch - und aus dem Blickwinkel eines aufgeklärten Bürgertums in erster Linie - um die nationale Idee, die damals eine fortschrittliche Idee der Befreiung vom Mief der Aristokratie, eine Abkehr von den beharrenden Kräften der Fürstenhäuser war.

Die Einheit war geboten, wie die Freiheit notwendig war: Die europäischen Nachbarn hatten dem politischen Liberalismus durch die Ereignisse unter anderem in Frankreich Rückenwind verliehen. Belgien, das in diesem Jahr sein 175-jähriges Bestehen feiert, gab Europa seit 1830 ein Musterbeispiel für konstitutionell verankerte Freiheitsrechte. In den Deutschlanden hingegen hatte sich die Restauration breit gemacht, die die Verhältnisse feudalistisch einfror.

Die 1848er wollten beides - Einheit und Freiheit. Und sie hatten sich damit ein sehr viel anspruchsvolleres Programm gegeben als es die europäischen Nachbarn in ihren revolutionären Bewegungen bewältigen mussten. Denn dort hatte sich der Nationalstaat bereits durchgesetzt; ihr Kampf konnte sich auf Demokratie und Freiheit konzentrieren. Die deutsche Revolution war durch ihr Doppelziel überfordert. Darin lag der Kern ihres Scheiterns.

Der Ausgang von 1848 hat der deutschen Entwicklung eine schwere Hypothek hinterlassen: die Ungleichzeitigkeit von Einheit und Freiheit und den Mangel an bürgerschaftlicher, freiheitlicher Tradition im Deutschland des 19. und 20. Jahrhundert. Während die Einheit - allerdings die Einheit von oben - mit der Bismarckschen Reichsgründung 1870/71 Realität wurde, fehlten Demokratie und Freiheit. Weimar war zu kurzlebig und zu sehr den alten Obrigkeiten und Eliten verhaftet, als dass sich ein demokratischer Grundkonsens in der Bevölkerung herausbilden konnte. Die junge Demokratie des 20. Jahrhunderts musste den Preis bezahlen für die verschleppte Freiheitsfrage des 19. Jahrhunderts. Und so liegen die Wurzeln des Scheiterns der Demokratie 1933 auch im Scheitern von 1848.

Einheit und Freiheit sind in der deutschen Geschichte selten zur gleichen Zeit vorzufinden gewesen. Und vielfach haben sich die Eliten damit allzu schnell abgefunden und in den Zuständen eingerichtet. Der Mangel an Freiheit und Mitbestimmung war politisches Programm der Kaiserzeit - akzeptiert und geduldet von einem Bürgertum, das im Zweifel mehr Angst hatte vor dem "kommunistischen Gespenst", das umging in Europa.

Die abermalige Teilung Deutschlands war Ergebnis und Konsequenz des 2. Weltkrieges. Sie brachte dem Westen Freiheit, dem Osten Deutschlands abermals eine Diktatur und führte dazu, dass das, was um 1848 bereits als "kleindeutsche Lösung" bezeichnet wurde, nochmals verkleinert wurde.
Es waren weite Teile der westdeutschen Eliten, die sich über die Jahre der Teilung in dem Zustand einrichteten, die sich vom "ganzen Deutschland" innerlich verabschiedet hatten und dabei einen Aspekt sträflich vernachlässigten: Für die Deutschen in der DDR war die Teilung gleichbedeutend mit politischer Unfreiheit, die Zementierung der Teilung auch die Zementierung der fehlenden Freiheit.

Heute haben wir die Ungleichzeitigkeit von Freiheit und Einheit endgültig überwunden. Deutschland ist demokratisch, nicht nur formal, sondern im Innern, gestützt auf eine gewachsene zivile Gesellschaft. Und Deutschland ist vereint - nicht gegen den Willen seiner Nachbarn, sondern im Einklang und in enger Kooperation mit 25 Staaten in der Europäischen Union. Nach fast 150 Jahren, über viele Um- und Irrwege und mit der demokratischen Revolution in der DDR wurde der Traum der deutschen 48er endlich wahr.

Und um daran zu erinnern, die Doppeldeutigkeit des 18. März zu betonen - den von 1848 und den von 1990 - kann ich mir keinen besseren Ort vorstellen, als den "Platz des 18. März" vor dem Brandenburger Tor, dem Sinnbild der deutschen Frage, die so lange offen, wie das Brandenburger Tor geschlossen war.

Heute, am 18. März ist es offen.

Einheit und Freiheit , die Träume von 1848 und von 1990 sind in Deutschland Realität. Den Barrikadenkämpfern und den friedlichen Revolutionären in der DDR sei Dank.