Neubaustrecke Wendlingen-Ulm

08. März 2013 zur Übersicht

Europäische Kommission attestiert Untauglichkeit für normalen Güterverkehr

Angebunden an das höchst umstrittene Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21" soll zwischen Stuttgart und Ulm mit finanzieller Unterstützung der EU eine Neubaustrecke für 3 Mrd. Euro errichtet werden. Sie soll eine Alternative zu der sehr steigungsreichen Bestandsstrecke über die Geislinger Steige bieten und Teil des europäischen Korridors Paris-Bratislava werden. Auf Anfrage der Grünen bestätigte die Europäische Kommission nun jedoch [1], dass der geplante Abschnitt zwischen Wendlingen und Ulm noch steiler als die bestehende Verbindung werden soll. Damit werde ein wettbewerbsfähiger Schienengüterverkehr verhindert. Dazu erklärt Michael Cramer, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament:

"Die Aussagen der Europäischen Kommission zeigen eindeutig: Nicht nur das irrsinnige Bahnhofsprojekt 'Stuttgart 21', sondern auch die geplante Neubaustrecke von Stuttgart über Wendlingen nach Ulm ist eine milliardenschwere Fehlplanung gegen jeden verkehrspolitischen Verstand.

Die Kommission bestätigte auf Anfrage der Grünen, 'dass die Neubaustrecke Wendlingen ? Ulm [...] eine stärkere Steigung aufweist als die Bestandsstrecke über die Geislinger Steige'. Die EU-Behörde macht keinen Hehl daraus, wie problematisch das ist: 'Generell sind stärkere Steigungen, insbesondere für Güterzüge, nachteilig, da die Kostenwirksamkeit und somit die Wettbewerbsfähigkeit sehr von einer hohen Transportkapazität pro Zug bezogen auf eine bestimmte Zugkraft und Leistung abhängen.'

Für die Neubaustrecke bestätigt die Kommission, dass 'für die Neubaustrecke Gewichtsbegrenzungen bzw. eine stärkere Leistung/Zugkraft erwogen' werden. Mit anderen Worten: Ein normaler Schienengüterverkehr wird dort - wie auch auf der Geislinger Steige - unmöglich sein und das Projekt damit unwirtschaftlich. Denn der Personenverkehr kann die Strecke unter keinen Umständen auslasten, da 70% der Passagiere im Stuttgarter Bahnhof ein- und aussteigen und gar nicht nach oder von Ulm reisen.

Die Rechtfertigung der Neubaustrecke mit der starken Steigung der bestehenden Verbindung fällt damit wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Nicht nur die Projektträger in Deutschland, sondern auch die EU müssen diese Realität zur Kenntnis nehmen. Denn die Europäische Kommission hat je nach Abschnitt eine finanzielle Beteiligung zwischen 12% und 14,35% an den auf insgesamt rund 3 Milliarden Euro geschätzten Kosten der Strecke von Stuttgart über Wendlingen nach Ulm zugesagt - die sich nach den letzten Erfahrungen locker verdoppeln können.

Anstatt das Geld für eine noch steigungsreichere Parallelstrecke zu verschwenden, sollten die deutsche Regierung und die EU das Geld besser im Sinne der Fahrgäste und Güterverkehrskunden einsetzen und zum Zusammenwachsen Europas beitragen.

Mit einem Bruchteil des freiwerdenden Geldes ließen sich zum Beispiel die Verbindungen zwischen Baden-Württemberg und den Nachbarländern - zum Beispiel über die Gäubahn nach Zürich oder die Südbahn nach Bregenz - endlich ausbauen. Und auch für die im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen zerstörte Eisenbahnbrücke zwischen Freiburg und Colmar könnte das angeblich fehlende Geld aufgebracht werden.

Offensichtlich ist Geld in Hülle und Fülle vorhanden. Es fehlt nur am politischen Willen für das kurzfristig Machbare und Notwenige!"

[1] Meine Frage ist hier einsehbar http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+WQ+E-2013-000566+0+DOC+XML+V0//DE, die Antwort der Kommission auf http://www.europarl.europa.eu/sides/getAllAnswers.do?reference=E-2013-000566&language=DE