Mit der Bahn-Elektrifizierung im Hintertreffen

03. Januar 2019 zur Übersicht

Allianz pro Schiene fordert von Regierung höheren Stromanteil für Streckennetz

Scheuer will neue Strategie

Artikel erschienen in "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am 31.12.2018

Von Kerstin Schwenn

Mit einem Klimaschutzgesetz will die schwarz-rote Bundesregierung im neuen Jahr Wege weisen, um die ehrgeizigen Klimaziele 2030 einhalten zu können. Empfehlungen dafür werden in den nächsten Wochen die Kohlekommission und die Mobilitätskommission der Regierung liefern. Schon jetzt ist klar, dass der Verkehrssektor besondere Anstrengungen unternehmen muss, um seine schlechte Klimabilanz aufzubessern. Und ebenso soll die Schiene in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen.

Elektromobilität ist auf der Schiene schon heute der Alltag, allerdings noch nicht überall. In Deutschland sind derzeit 60 Prozent der Bahnstrecken elektrifiziert. Auf einen höheren Anteil kommen die meisten Nachbarländer: In Polen sind 64 Prozent des Schienennetzes elektrifiziert, in Österreich 71 Prozent, in den Niederlanden 76 Prozent, in Belgien 86 Prozent und im Bahn-Musterland Schweiz sogar 100 Prozent. Auch die Bundesregierung ist mit dem aktuellen Stand hierzulande unzufrieden. Union und SPD haben sich im Koalitionsvertrag vorgenommen, ihn bis 2025 auf 70 Prozent zu erhöhen. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will bald Eckpunkte einer Elektrifizierungsstrategie vorstellen. Im Bundesverkehrswegeplan hat er schon etliche Elektrifizierungsprojekte aus dem potentiellen in den vordringlichen Bedarf hochgestuft, damit sie wirklich finanziert und realisiert werden können.

Eine Auswertung der Organisation Allianz pro Schiene ergibt aber, dass der Bund mit sämtlichen geplanten Projekten nur einen Elektrifizierungsgrad von 67 Prozent erreichen würde. Der Bahnverband hat weitere Strecken von mehr als 3300 Kilometer Länge identifiziert, die bis 2025 elektrisch werden könnten. "Es ist klimapolitisch und volkswirtschaftlich vorteilhaft, das Schienennetz verstärkt unter Strom zu setzen", sagt Allianz-Geschäftsführer Dirk Flege. Über die Pläne des Bundes hinaus gebe es viele sinnvolle Projekte in den Ländern, etwa in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Nordbayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. "Mit dem Rückenwind des Bundes gelingt an vielen Stellen des Netzes der Lückenschluss."

Auf Lückenschluss setzt auch der Berliner Europaabgeordnete Michael Cramer (Grüne), sein Blick richtet sich besonders nach Osten. "Der direkte Weg nach Breslau ist auf polnischer Seite zwar vollständig elektrifiziert, auf deutscher Seite klafft hinter Cottbus aber weiterhin eine Elektrifizierungslücke", bemängelt er. Während für Stuttgart 21 Milliardenbeträge ausgegeben würden, sei für die Elektrifizierung der Strecke von Cottbus über Horka kein Geld vorhanden. Dabei könne man mit Investitionen von 100 Millionen Euro dafür sorgen, dass künftig keine Loks mehr auf der Strecke gewechselt werden müssten. "Die Fahrzeit zwischen Berlin und Breslau ließe sich so um fast zwei Stunden verkürzen - auf 2,5 Stunden wie vor dem Krieg." Auch der sächsische Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst (FDP) kritisiert: "Während die Strecke auf polnischer Seite bis Ende 2019 komplett elektrifiziert sein wird, hat das Bundesverkehrsministerium noch nicht einmal die Wirtschaftlichkeit der geplanten Elektrifizierung zwischen Dresden und der deutsch-polnischen Staatsgrenze geprüft." Auf deutscher Seite verkehrten weiter alte Dieselzüge, während in Polen bald schnellere Elektrozüge zum Einsatz kämen. "So wird das mit einer Verkehrsverlagerung auf die Schiene nichts."