Mehr als Fortbewegung

20. Juni 2016 zur Übersicht

Filmfestival und Vorträge würdigen das alternative Verkehrsmittel

Artikel erschienen in "Allgemeine Zeitung Mainz" am 20.06.2016

Es gehört schon große Körperbeherrschung dazu, um sich auf dem Fahrrad die Zähne zu putzen, zu rasieren oder am Laptop zu arbeiten, wie es der rasant geschnittene "The Man who lived on his bike" vorführte, der am vergangenen Samstag das Publikum im Schlossbiergarten im Rahmen des "International Cycling Film Festivals" erheiterte. Gleichwohl zeigte spätestens jenes Werk, dass eine Reduzierung des Fahrrads auf seinen Status als reines Fortbewegungsmittel ihm kaum gerecht wird.

Diesen Gedanken führte auch Umwelt- und Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Grüne) in ihrer Eröffnungsansprache fort. "Wir möchten den Radverkehr positiv verknüpfen", begründete sie den Entschluss, die Werkschau des vor knapp zehn Jahren in Bochum gestarteten internationalen Festivals des Fahrrad-Films in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt zu holen. Die in Kooperation mit dem Mainzer Filmsommer präsentierte Veranstaltung stand im Kontext des Projektes "Stadtradeln", mit dem das Klima-Bündnis in Mainz und Umgebung die Attraktivität des Fahrrads als alternatives Verkehrsmittel steigern möchte. Dass sich nur eine überschaubare Anzahl an Gästen einfand, lag sicher am Regenguss, der sich am Abend über dem Gelände ausbreitete. Diejenigen, die ausharrten, nahmen das Fahrrad wahr als Objekt, das einen gesellschaftlich, politisch, kulturell und historisch verbindenden Charakter entfalten kann. Dieser zeigte sich bereits im Vortrag von Michael Cramer (Grüne), Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr und Tourismus im Europaparlament, der das Projekt Europa-Radweg Eiserner Vorhang vorstellte. Auf rund 10 000 Kilometern entlang der Westgrenze der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten führt die Route zu Stationen, welche die wechselvolle Geschichte Europas eindrucksvoll erfahrbar machen. Anschließend wurde das Fahrrad als Sujet facettenreicher unterhaltsamer Kurzfilme präsentiert. Produktionen wie "Eight-minute Deadline", welche die sinnlose Hetze als Teil einer animierten unwirtlichen Welt thematisierte, wechselten sich ab mit dokumentarischen Formaten wie etwa "Havanah Bikes", dessen Blick auf eine Fahrradwerkstatt in der kubanischen Hauptstadt als Metapher für die Reparaturbedürftigkeit des Staates verstanden werden darf. In einem der letzten Filme, "Groen", erwies sich schließlich eine rote Ampel als Ausgangspunkt für Situationskomik und würdigte das Fahrrad noch einmal humoristisch.