Keine Freiheit ohne Solidarität

03. Juli 2017 zur Übersicht

Leserbrief erschienen in "Der Tagesspiegel" am 2.07.2017

"Verräterische Lücken in der Erinnerung an Helmut Kohl. Der Kanzler der Einheit ohne die Macher der Einheit"

Von Michael Cramer

Zu Recht kritisiert Christoph von Marschall, dass die östlichen Nachbarländer bei der Erinnerung an Helmut Kohls Verdienste um die Wiedervereinigung kaum vorkommen. Dabei wäre ohne die Gewerkschaft Solidarnosc in Polen, die erfolgreiche Orientierung der Ungarn nach Westen, den "Singende Revolution" genannten Kampf der Unabhängigkeitsbewegungen in den baltischen Staaten, die "Samtene Revolution" in der Tschechoslowakei, die immer stärker werdende Oppositionsbewegung in der DDR und den Abbau des Stacheldrahts an der ungarisch-österreichischen Grenze durch die beiden Außenminister Guyla Horn und Alois Mock am 27. Juni 1989 weder die Mauer in Berlin noch der Eiserne Vorhang in Europa gefallen.

Der Aufstieg der "Solidarnosc", die mit 10 Millionen mehr als dreimal so viele Mitglieder hatte wie die Kommunistische Polnische Staats-Partei, beunruhigte die polnischen Machthaber zutiefst, sodass General Wojciech Jaruzelski am 13. Dezember 1981 das Kriegsrecht ausrief, führende Köpfe der Bewegung inhaftieren und die Solidarnosc 1982 schließlich ganz verbieten ließ. Es gelang der Gewerkschaft, ihre Tätigkeit im Untergrund fortzusetzen.

Als sich das Ende der Sowjetherrschaft über Osteuropa abzeichnete, war sie an den Gesprächen zwischen Regierung und Opposition beteiligt und wurde im April 1989 wieder legalisiert. Als "Bürgerkomitee Solidarnosc" nahm sie 1989 erfolgreich an den Parlamentswahlen teil. Mit Tadeusz Mazowiecki bekam Polen noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs als erstes Land des Ostblocks einen nicht-kommunistischen Ministerpräsidenten. Es waren die Bürgerinnen und die Bürger, die die Welt verändert haben. Die Politik in Ost und West hat darauf nur regiert, reagieren müssen. Das dürfen wir niemals vergessen!