Giftige Kabinenluft

29. Juli 2014 zur Übersicht

Ignoranz gefährdet Leben

Dass giftige Kabinenluft eine ernsthafte Bedrohung der Sicherheit von Passagieren und Besatzungen darstellt, ist in Fachkreisen mittlerweile unumstritten. Nur die Luftfahrtindustrie sowie Entscheidungsträger in den EU-Mitgliedstaaten und bei der Europäischen Kommission ignorieren dieses Problem größtenteils. Dabei sind giftige Öldämpfe in Flugzeugen gefährlicher als bisher angenommen. Das geht zumindest aus einer Studie des Instituts Fresenius hervor, die 2009 von Condor in Auftrag gegeben worden ist und bisher unter Verschluss gehalten wurde. Dazu erklärt Michael Cramer, grüner Europaabgeordneter und Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Europäischen Parlament:

"Die nun durchgesickerte Studie des Fresenius Instituts, die 2009 von Condor in Auftrag gegeben wurde, bestätigt einmal mehr die gesundheitsschädliche Gefahr, die von TCP-kontaminierte Kabinenluft [1] ausgeht. Dieses Ergebnis scheint für die Luftfahrtindustrie so unbequem, dass die Studie nie veröffentlicht wurde.

Gefahren werden allerdings nicht dadurch gebannt, dass man sie hartnäckig ignoriert. Genau das wird bei dem Thema giftige Öldämpfen in Flugzeugkabinen jedoch getan. Obwohl sich die Hinweise auf massive Gesundheits- und Sicherheitsrisiken - und sogar der Verdacht auf zwei Todesfälle - in den letzten Jahren häuften, stellen sich die Luftfahrtindustrie, aber auch die EU-Verkehrsminister und EU-Verkehrskommissar Siim Kallas weiterhin taub.

Seit mehr als vier Jahren haben die Grünen auf nationaler und europäischer Ebene auf eine Auseinandersetzung mit den Gefahren von giftiger Kabinenluft gedrängt. Bereits seit 2010 hatte ich die EU-Kommission wiederholt mit schriftlichen Fragen auf Zwischenfälle aufmerksam gemacht und um eine Untersuchung gebeten. Verkehrskommissar Kallas antwortete zuletzt lapidar, dass „ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Einatmen von Kabinenluft (im Normalbetrieb oder bei Störungen) und Gesundheitsproblemen bei Besatzungen und Passagieren von Verkehrsflugzeugen nicht nachgewiesen' werden kann [2]. Damit ignorierte Kallas sträflich den Grundsatz, dass die Sicherheit immer Vorrang haben muss.

Zuletzt gab es immerhin einen kleinen Durchbruch: Das Europäische Parlament nahm mit großer Mehrheit den grünen Änderungsantrag an, der eine Meldepflicht für Vorfälle vorsieht, die mit giftiger Kabinenluft im Zusammenhang stehen könnten. Bei den anschließenden Trilogue-Verhandlungen mit dem Ministerrat und der Europäischen Kommission haben wir Grüne diese Meldepflicht erfolgreich verteidigt und im finalen Gesetzestext verankert.

Die Meldepflicht ist ein erster wichtiger Schritt. Doch riskante Vorfälle sollten erst gar nicht entstehen und technische Lösungen gibt es bereits: So könnten weniger giftige Triebwerksöle verwendet oder die Kabinenluft an einer unbedenklichen Stelle abgezapft werden. Für die Umsetzung fehlt es bis heute allerdings weitestgehend am unternehmerischen und politischen Willen. Stattdessen wird die Gefährdung von Boardpersonal und Reisenden durch toxische Gase mutwillig in Kauf genommen.“

[1] TCP steht für das Nervengift „Trikresylphosphat“
[2] Meine schriftliche Anfrage an die Europäische Kommission vom 20.11.2012