Gedenkstein für Chris Gueffroy

13. November 2003 zur Übersicht

Chris Gueffroy war der letzte Tote an der Berliner Mauer. Kurz vor der Öffnung der Mauer wurde der 20jährige von DDR-Grenzern erschossen. Ein Gedenkstein soll an ihn erinnern. Rede im Abgeordentenhaus am 29.08.2003

Anrede,

Vor gut zwei Wochen erinnerten wir uns an den 41. Jahrestag des Mauerbaus. Der Regierende Bürgermeister gedachte des qualvollen Todes von Peter Fechter am Checkpoint Charlie, andere waren in der Gedenkstätte Bernauer Straße. An der innerdeutschen Grenze verloren zwischen 1949 und 1989 etwa 1000 Menschen ihr Leben. An der Berliner Mauer fanden mehr als 200 Personen den Tod. Das erste Opfer war Günter Litfin, der am 24. August 1961 erschossen wurde, als er durch den Humboldthafen an das westliche Ufer schwimmen wollte. Das letzte Opfer war der 20-jährige Chris Gueffroy. Er wurde in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989 erschossen.

Chris Gueffroy war kein abenteuerlustiger oder leichtsinniger Mensch. Er wollte aber partout nicht zur Nationalen Volksarmee. Zudem hatte er von Freunden in Thüringen gehört, dass der Schießbefehl außer Kraft gesetzt worden sei.
Mit seinem gleichaltrigen Freund, Christian Gaudian, versuchte er durch den Britzer Verbindungskanal auf die Neuköllner Nobelstraße in den Westen zu flüchten. Als nur noch ein zwei Meter hoher Streckmetallzaun und der Kanal die beiden vom West-Berliner Ufer trennten, wurden sie entdeckt und sofort unter Beschuss genommen.

Chris Gueffroy wurde von insgesamt zehn Schüssen getroffen und starb einen qualvollen Tod im Kugelhagel der Grenztruppen.

Christian Gaudian wurde festgenommen und drei Wochen später wegen "versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts im schweren Fall" zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt.

Das Schicksal von Chris Gueffroy bewegt uns auch deshalb so sehr, weil es angesichts der weiteren politischen Entwicklung besonders tragisch ist.

Nur wenige Monate später hätte er ohne Lebensgefahr über Ungarn fliehen können. Nach dem Fall der Mauer wäre eine Flucht nicht mehr nötig gewesen.
Für Chris Gueffroy gibt es bisher keinen Gedenkstein. Meine Fraktion hat deshalb diesen Antrag eingebracht, in dem der Senat aufgefordert wird, bis spätestens zum 17. Juni 2003 einen Gedenkstein am Britzer Verbindungskanal zu errichten.

Seine Mutter verfolgt diese Debatte auf der Zuschauertribüne. Ich möchte Sie, Frau Karin Gueffroy, nicht nur herzlich begrüßen, sondern Ihnen auch - Herr Präsident, ich glaube, ich darf das tun - die aufrichtige Anteilnahme des ganzen Hauses aussprechen.

Aber auch nach der Beerdigung von Chris Gueffroy ließ man die Familie nicht in Ruhe trauern. Vor dem Fall der Mauer wurden die auf dem Grab niedergelegten Blumen und Briefe von den zuständigen DDR-Organen immer sofort beseitigt. Der Grabstein, den die Mutter zwar bezahlen, aber nicht aussuchen durfte, wurde jedoch nicht beschmiert und auch das Grab wurde nicht geschändet.

Nach dem Fall der Mauer allerdings wurde das Grab von Chris Gueffroy immer wieder geschändet und der Grabstein beschmiert. Das Marmorkreuz, das die Mutter 1991 aufgestellt hatte, wurde mehrfach beschädigt und 1994 sogar entwendet. Erst als Anzeige erstattet wurde, hörten diese Grabschändungen Mitte der 90er Jahre auf.

Anrede,

An den ersten getöteten Flüchtling, an Günter Litfin, erinnert ein Mahnmal an der Sandkrugbrücke. Es ist an der Zeit, endlich auch einen Gedenkstein für das letzte Maueropfer, für Chris Gueffroy, zu errichten.

Anlässlich einer Mündlichen Anfrage hatten der Senat und alle Fraktionen dieses Hauses ihre grundsätzliche Zustimmung für einen Gedenkstein signalisiert. Ein einvernehmliches Votum wäre nicht nur ein Zeichen des Mitgefühls für die Familie Gueffroy, es wäre auch - nach fast 13 Jahren - ein Beitrag für die innere Einheit dieser so lange gespaltenen Stadt.

Aus all diesen Gründen, meine Damen und Herren, möchte ich Sie bitten, unserem Antrag zuzustimmen, damit spätestens zum 50. Jahrestag des 17. Juni ein Gedenkstein an Chris Gueffroy erinnert.

Michael Cramer, 29.08.2002