Für eine erfahrbare Geschichte

18. April 2017 zur Übersicht

Artikel erschienen in "Neue Presse Coburg" am 10.04.2017

Wo einst Mauern und Zäune die Menschen trennten, wächst seit einigen Jahren der längste Radweg Europas. In Bächlein machte nun der Initiator Station.

Von Rainer Glissnik

Für nahezu ein halbes Jahrhundert teilte der Eiserne Vorhang Europa gewaltsam in Ost und West. Diese Teilung des Kontinents mit dem Fahrrad im wahrsten Sinne des Wortes "erfahrbar" zu machen, ist das Ziel des europäischen Radwanderwegs "Iron Curtain Trail" (Eiserner Vorhang).

Von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer


Der Eiserne Vorhang verlief auf einer Länge von fast 7000 Kilometern von der Barentssee quer durch Europa bis zum Schwarzen Meer und trennte den Kontinent in Ost und West. Bis zu den friedlichen Revolutionen in Ostmitteleuropa war er die physische und ideologische Grenze zweier sich feindlich gegenüberstehender Blöcke. Dadurch wurden nicht nur viele Nachbarstaaten voneinander getrennt, sondern auch Deutschland in Ost und West gespalten. Heute ist von dem ehemaligen Todesstreifen kaum noch etwas zu sehen, seine Relikte erinnern - aber sie trennen nicht mehr. In besonderer Weise soll an diese Geschichte der entstehende Europaradweg 13 "Eiserner Vorhang" erinnern.

Der Grünen-Europaabgeordnete Michael Cramer schuf mit Mitstreitern das Radwanderbuch "Europa Radweg Eiserner Vorhang", das unter der Reihe "Bikeline Radtourenbücher" in mehreren Bänden vorliegt.

Der rund 10 000 Kilometer lange Europa-Radweg entlang des ehemaligen Grenzstreifens entsteht derzeit auf Initiative des Europa-Abgeordneten Michael Cramer (Bündnis 90/Die Grünen) an der Westgrenze der ehemaligen Warschauer Pakt-Staaten. Man wolle damit auch europäische Geschichte mit nachhaltigen Tourismus verbinden und so einen Beitrag zum Zusammenwachsen Europas leisten, so Cramer. Bereits im Jahr 2005 hatte das Europäische Parlament auf Betreiben des Berliners mit großer Mehrheit beschlossen, den "Iron Curtain Trail" als beispielhaftes europäisches Projekt für nachhaltigen Tourismus zu unterstützen.


Am Radwanderweg bei Bächlein, später bei Veranstaltungen in Neustadt und Rödental, erläuterte der Europaabgeordnete seine Initiative und präsentierte eine ausführliche Radwanderkarte. Schon als die Mauer fiel, hatten die Grünen die Idee, dort wo in Berlin die Mauer stand, einen Radweg zu schaffen. "Aber damals war die Parole: Die Mauer muss weg. Als könnte man Geschichte ausradieren", so Cramer. Zehn Jahre später wurde die Idee wieder aufgegriffen, es kam zu einer Mehrheit und der Senat beschloss die Verwirklichung. "Heute ist der 160 Kilometer lange Mauerradweg ausgeschildert", freut sich der Grünen-Europaabgeordnete. Er sei ein touristisches Highlight. Es war aber nicht nur Berlin, sondern Deutschland und ganz Europa gespalten. Schließlich beschloss der Bundestag im Jahr 2004 einstimmig, auch das "Grüne Band" - die ehemalige Grenze zwischen BRD und DDR - für den Fahrradtourismus zu erschließen. Auch im Europäischen Parlament, in das Cramer 2004 gewählt wurde, stimmte man mit großer Mehrheit aus allen Ländern und Fraktionen zu, einen Europaradweg an der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West, von der Barentssee an der norwegisch-russischen Grenze bis zum Schwarzen Meer, zu schaffen. Er führt durch 20 Länder, 15 davon sind heute in der EU. "Wenn ich Ihnen das vor 30 Jahren gesagt hätte, hätten mich alle als bekloppt bezeichnet." Alle diese Länder würden nun an dieser "Euro-Velo-Route 13", der längsten in Europa, mitarbeiten. Die Slowakei etwa habe bereits 80 Prozent ausgeschildert. "Es ist keine Vision, der ganze Weg ist abgefahren", betonte der Europaabgeordnete. Dabei verlaufe die Route so nah an der ehemaligen Grenze wie möglich und sei so komfortabel wie möglich ausgebaut. Man meide stark befahrene Straßen und häufig beziehe man Erinnerungsstätten an der ehemaligen Grenze mit ein. 6000 Kilometer sei er selbst abgefahren, so der Abgeordnete.

Insbesondere unter den europäischen Grünen fand er Mitstreiter, die in ihrem Land die Route auskundschafteten. Die Strecken seien bereits überarbeitet. Grünen-Bundestagskandidat Michael Eckstein wies auf die touristischen Möglichkeiten dieses Radtourenwegs für die Region Coburg-Kronach hin. Es könne vom europäischen Radwanderweg in besonderer Weise profitiert werden. Insgesamt sei die Schaffung von Radwegen ein ganz wichtiges Anliegen von Bündnis 90/Die Grünen.