Europäischer Trendsetter

18. Juli 2017 zur Übersicht

Artikel erschienen in "Allgemeine Zeitung Mainz" am 15.07.2017

Mainzelbahn - EU-Parlamentarier Michael Cramer ist während einstündiger Fahrt voll des Lobes

Von Meike Hickmann

Am Abend wird er für den Verkehrsclub Deutschland über die "Mobilität heute" reden, davor will Michael Cramer sie in Form der Mainzelbahn erst einmal testen. So sitzt der grüne EU-Parlamentarier gut gelaunt neben Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Grüne), die ihn "einen der profiliertesten Vertreter für nachhaltigen Verkehr" nennt, und findet die Straßenbahn weder quietschend noch unbequem. Projektleiter Johannes Köck und MVG-Geschäftsführerin Eva Kreienkamp erklären ihm auf der Fahrt, wie sie auch die Kinderkrankheiten der Erschütterungen und Verspätungen immer besser in den Griff kriegen. Und Cramer erzählt ihnen mit Straßenbahn-Anekdoten von Zürich bis San Francisco wie sehr die Mainzelbahn im Trend liege. Bei der knapp einstündigen Fahrt vom Bahnhof zum Lerchenberg und wieder zurück herrscht Wohlwollen.

So viele Fahrgäste, Grashalme und Wiesen


An der Binger Straße bedauert Cramer, dass das Gebäude der alten Musikhochschule nicht mehr steht. "Da habe ich früher immer Trompete geübt", erinnert er sich. Einst studierte er in Mainz Sport und Musik, Hauptfach Trompete. "Aber dann kam mir der Wunsch, die Welt zu verändern, in die Quere", sagt er. Diesem Zeitgeist der 70er folgend, ging er in die Politik.

"Hier wäre das Projekt fast gescheitert", erinnert sich Eder auf dem kurzen, steilen Gleisabschnitt zur Uni. Cramer nickt, eine tolle Bauleistung sei das. Und wie gut, dass Mainz ihre Bahn nicht in den 90ern abgeschafft habe wie andere deutsche Städte, sagt er. Eder wirft ein, die Diskussion sei für sie damals eine der Gründe gewesen, sich politisch zu engagieren. Deutschland hinke im europäischen Vergleich hinterher, was den Ausbau des Umweltverbunds - Fuß- und Radwege, aber vor allem Straßenbahnen - angehe. "Zu viele Leute steigen für fünf Minuten Fahrt noch ins Auto", schimpft Cramer.

Eder und Köck freuen sich über jeden Fahrgast und jeden Grashalm, der im Gleisbett grünt. "Und hier sehen Sie eine schöne Ausgleichsfläche!", rufen sie entzückt aus, wenn die Mainzelbahn an den frisch angelegten Wiesen mit kleinen Bäumchen vorbeifährt. "Das hier ist meine Lieblingsstrecke", freut sich Eder, als die Mainzelbahn über die Autobahnbrücke nach Marienborn fährt. Die Bahn über den Autos, das sei doch bezeichnend. Und so häufig blicke man auf Stau.

Cramer hat schon seit 1979 kein Auto mehr und sagt, er habe die Entscheidung nie bereut. In Berlin sei die Durchschnittsgeschwindigkeit ohnehin nur wenig schneller als die eines Fahrrads. Trotz Straßenbahneuphorie ist das sein Favorit der Fortbewegung: Er hat auch den Reiseführer für den 9000-km-Radweg entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs geschrieben. Den Europaradweg sei er auch mal gefahren - außer in Mainz, da sei ja eine Lücke am Rhein. "Das ist schade, Radwege könnte es hier noch mehr geben", sagt er. Eder, selbst mit Fahrradhelm unterm Arm, verspricht daran zu arbeiten. Aber eider sei die Stadt ja hoch verschuldet.

Die Bahn fährt nach 25 Minuten auf den Lerchenberg. Toll sei das, früher sei er da nie gewesen. "Die Stadt wächst so mehr zusammen", lobt Cramer. Auf dem Rückweg bedauert er noch mal den Abriss der Musikhochschule. "Das war so ein schönes, altes Gebäude jetzt steht da ein Kasten", sagt er über das Studentenwohnheim. Aus der Straßenbahn steigt er zufrieden aus, warum sie "Rumpelbahn" genannt wird, könne er nicht verstehen. "Städte verändern sich, es braucht Zeit, das zu akzeptieren", sagt er und zuckt mit den Schultern.