Eine Region wird "elektrisiert"

15. September 2015 zur Übersicht

Artikel erschienen im Freien Wort vom 15.09.2015

Ohne attraktive Projekte und Förderungen wird die Bundesregierung ihr Ziel von einer Million Elektroautos auf den deutschen Straßen bis 2020 kaum umsetzen können. Nun ergreifen "Die Starken 5" regional die Initiative.

Coburg/Hildburghausen - Regional verwurzelt, das ist Sabine Leh. In Coburg geboren und mit 59 Jahren noch immer dort zu Hause. Viele Jahre hat sie im Verlags- und Pressewesen gearbeitet. Und so natürlich viel mitbekommen. Vor allem, wo es in der Region noch etwas zum "Anpacken" gibt. Ihre Meinung dazu: "Nicht immer nur meckern, auch mal Ideen in die Tat umsetzen." Dass sie sich dies zu Herzen nimmt, stellt sie mit dem 2010 gegründeten Projekt "Die Starken 5 - Eine Region mit Charakter" unter Beweis. Gleiche Stimme für alle Die Idee einer Bürgergenossenschaft steht dahinter. Und damit das Motto der Musketiere "Einer für alle, alle für einen". Das heißt: Es geht nicht in erster Linie um Gewinnmaximierung, sondern um die Förderung der Mitglieder, also der Bürger. Die Bedingungen jedes Einzelnen sollen sich innerhalb der Organisation verbessern. Zu gut Deutsch: In der Gemeinschaft ist man besser dran als auf sich allein gestellt. Derzeit bestehen "Die Starken 5" aus 35 Teilhabern, inklusive Sabine Leh als geschäftsführender Vorstand. Jedes Mitglied zahlt sich mit einem gewissen Geschäftsanteil in die Genossenschaft ein, hat somit Mitspracherecht und Eigentumsansprüche. Das heißt aber nicht: Großer Investitionsbeitrag gleich mehr Rechte. Jeder hat die gleiche Stimme. Generell umfassen "Die Starken 5" die fünf Städte und Landkreise Sonneberg, Hildburghausen, Kronach, Coburg und Lichtenfels. Ein Gebiet von etwa 3170 Quadratkilometer, in dem rund 415 000 Einwohner leben. Im Landkreis Sonneberg etwa 57 000. Innerhalb der gesamten Region soll es die Zusammenarbeit der Bürger ermöglichen, die Gegend am Leben zu erhalten. "Dinge, die brach liegen, sollen reaktiviert werden", erklärt Sabine Leh. "Wir wollen die Region in ihrer Gesamtheit und Vielfalt sichern und auch in Zukunft für junge Menschen attraktiv halten." Das betrifft die drei Standbeine: Wirtschaft, Wohnen und Energie. Was Letzteres anbelangt, gehe es darum, einen Beitrag zum regionalen Klimaschutz zu leisten. Unter anderem in Form eines Projektes namens EL-NOVO - Elektrisch mobil, eine Netzwerk-Organisation zur Versorgungs- und Verkehrsoptimierung. Sprich, den Nahverkehr zu elektrifizieren mit E-Fahrrädern - sogenannten Pedelecs -, E-Rollern und E-Autos. Doch bevor man, wie es die Bundesregierung plant, bis 2020 eine Million Elektroautos auf die deutschen Straßen bringt, "müsse erst einmal die Logistik drum herum geschaffen werden", meint Sabine Leh. Eben vor allem, was die Infrastruktur der Ladestellen betrifft. Genau da setzt das Projekt an. Es sollen Tankstationen genossenschaftlich gekauft und positioniert sowie bereits bestehende eingebunden werden. Und anschließend Elektroautos in Form von Car-Sharing bereitstehen. Das heißt: Die Fahrzeuge werden geteilt, sodass jedes Mitglied der Gemeinschaft ein Auto nutzen kann. Car-Sharing "Natürlich geht das nur nach und nach", erklärt Leh. Zur Zeit wird mit der Stadt Hildburghausen, den Gemeinden im Heldburger Unterland und der Landesregierung Thüringen über die Positionierung der ersten fünf E-Autos verhandelt. Damit wird auch der Startschuss für das integrierte Tourismuskonzept rund um den Iron Curtain Trail gegeben - der 10 000 Kilometer lange Europa-Radweg "Eiserner Vorhang" entlang des ehemaligen Grenzstreifens. Zehn Pedelecs sollen entlang des thüringischen Teils der einstigen deutsch-deutschen Grenze rollen. Noch im September dieses Jahres. "Der Startpunkt ist in Schlechtsart im Landkreis Hildburghausen", sagt Leh. "Das Ganze führt dann bis nach Nordhalben im Landkreis Kronach." Zumindest die erste Phase des Projektes. Bis Ende 2016 sollen weitere Streckenteile ausgebaut werden. Bis Ende 2017 soll dann die gesamte Iron-Curtain-Trail-Etappe zwischen Schlechtsart und Nordhalben entwickelt sein. Wie das Ganze finanziert wird? Über die beigesteuerten Geschäftsanteile eines jeden Mitglieds der Genossenschaft. Folglich steuert jeder etwas bei, um die E-Autos oder Pedelecs anzuschaffen. Gleichzeitig ist jeder Teilhaber auch Miteigentümer an den Fahrzeugen. Zu gut Deutsch: Je mehr sich an einem solchen Vorhaben beteiligen, desto billiger wird es: Statt eines Anschaffungspreises von vielleicht 20 000 Euro zahlt innerhalb einer 20-köpfigen Genossenschaft jeder "nur" 1000 Euro. Auch die laufenden Kosten wie Versicherung, Steuer et cetera werden auf alle gleichermaßen verteilt. Engagement gefragt Problematisch allerdings: Ein Auto zeitlich auf 20 Personen aufzuteilen. "Also", appelliert Sabine Leh, "je mehr sich beteiligen, umso mehr Fahrzeuge können wiederum stationiert werden." Das betrifft nicht nur einzelne Bürger. Auch Gemeinden, Verbände, Vereine und Unternehmen sind angehalten, sich für den Fortschritt in ihrer Region, vor allem in Sachen Umwelt, zu engagieren. Zwar gibt es auch für Sonneberg den Plan, die Teilstrecke entlang des Iron Curtain Trail im ersten Schritt auszubauen, doch stünden hier noch die entsprechenden Planungen an. Zur Zeit laufen wohl Gespräche mit verschiedenen Sonneberger Gemeinden sowie der Industrie- und Handelskammer bezüglich der nächsten Aktivitäten. Noch allerdings hinke die Region hinterher. Schon allein, wenn man sich die Zahl der zugelassenen Elektroautos noch einmal zu Gemüte führt: Drei im gesamten Kreis und bisher erst 18 948 bundesweit. E-Bikes auf Vormarsch Ganz anders sieht es da bei den Elektro-Fahrrädern aus: Detaillierte Zahlen, aufgeschlüsselt für den Freistaat oder gar für die einzelnen Landkreise, gibt es nicht. Weder beim Thüringer Landesamt für Statistik noch beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Laut einem Statistik-Portal im Internet wurden 2014 in ganz Deutschland 480 000 E-Bikes an Mann und Frau gebracht. Rechnet man die Verkaufszahlen ab dem Jahr 2009 zusammen, radeln mittlerweile knapp zwei Millionen Deutsche motorisiert durchs Bundesgebiet. So steht eines fest: In Sachen Elektromobilität sind die E-Bikes ganz klar auf dem Vormarsch. Iron Curtain Trail Für nahezu ein halbes Jahrhundert teilte der Eiserne Vorhang Europa gewaltsam in Ost und West. Entlang des ehemaligen Grenzstreifens wird auf circa 10 000 Kilometer ein Radweg geschaffen, der europäische Geschichte mit nachhaltigem Tourismus verbindet: der europäische Radwanderweg Iron Curtain Trail. Bereits im Jahr 2005 hat das Europäische Parlament auf Initiative des Berliner Europa-Abgeordneten Michael Cramer mit großer Mehrheit den Iron Curtain Trail als beispielhaftes europäisches Projekt für nachhaltigen Tourismus unterstützt. Der Radweg führt von der Barentsee im Norden Norwegens bis zum Schwarzen Meer. ----- www.ironcurtaintrail.eu