Der Elbe-Radweg ist ein Renner

13. November 2003 zur Übersicht

Der Fahrradtourismus boomt - auch dank von Radwanderwegen wie dem Elbe-Radweg. Auf rund tausend Kilometern kann man entspannt Kultur und Natur genießen.

Der Elbe-Radweg ist ein Renner. Er verzeichnet die höchsten Zuwachsraten aller Velorouten entlang von Flüssen in Deutschland. Mit ihm hat das wiedervereinigte Deutschland nun eine Fahrradroute, deren Infrastruktur und kulturelles Beiprogramm sich mit denen fahrradfreundlicher Länder messen kann.

Auf fast tausend Kilometern erwartet die Fahrradtouristen eine Mischung von naturverbundenem Radlerurlaub und anregender Kulturreise: die Highlights Dresden und Prag, die böhmischen Städtchen mit ihrem eigenen Flair, das landschaftlich reizvolle Elbsandsteingebirge, die Porzellanstadt Meißen, die sächsische Weinstraße, die Lutherstadt Wittenberg, die weiten Elbauen und die Sachsen-Anhaltinische Landeshauptstadt Magdeburg. Kulturelle Abwechslung bieten so schmucke Städtchen wie Tangermünde oder Glückstadt. Über Wittenberge und Lauenburg führt die Route durch die Elbmetropole Hamburg mit ihrem Großstadtgetümmel, bevor man in Cuxhaven die frische, salzige Nordseeluft schnuppern kann.

Die gesamte Route ist auch ein Naturerlebnis erster Sahne. Die Stille der Elbauen wird oft nur vom Zirpen der Grillen, dem Zwitschern der Vögel, dem Knirschen des Schotters oder dem Surren der Reifen unterbrochen.

Die cleveren Sachsen waren die ersten, die nach der Wende den Fahrradtourismus als Wirtschaftsfaktor für sich entdeckt und erkannt hatten, dass sanfter Tourismus nicht nur umweltfreundlich, sondern auch wirtschaftsfördernd ist. Statistiken belegen, dass Fahrradtouristen pro Tag mehr Geld ausgeben als Autofahrer. Das erfreut insbesondere Hoteliers und Wirte, den regionalen Mittelstand. Immerhin machen jährlich zwei Millionen Deutsche mit dem Fahrrad eine Urlaubsreise, 100 Millionen Tagestouristen sind mit dem Fahrrad unterwegs. Der Gesamtumsatz des deutschen Fahrradhandels liegt derzeit übrigens bei 8 Milliarden Mark pro Jahr.

Auch deshalb ist in Sachsen der Elbe-Radweg vollständig geteert und mit dem geschwungenen "e" als Symbol vorbildlich ausgeschildert. Unterwegs sind nicht nur die klassischen Fahrradtouristen mit Gepäcktaschen, sondern auch Familien mit Kleinkindern im Fahrrad-Anhänger. Ein mobiler Fahrrad-Verleih bringt Leih-Räder zu den Kunden in den diversen Kurbädern. Das erklärt auch die große Anzahl von Seniorengruppen, die mit dem Fahrrad unterwegs sind. Aber auch Teens und Twens bevölkern den Elbe-Radweg. Viele Spiel- und Rastplätze, aber auch zahlreiche Schwimmbäder bieten die gewünschte Abwechslung.

Enorm verbessert worden sind die Durchfahrten in den sächsischen Städten. In Meißen ist der autofreie Radweg auch im innerstädtischen Elbabschnitt nach Abschluss des Brücken-Neubaus fertiggestellt worden. In Dresden, dem Elb-Florenz, wird die Route am Elbufer nicht nur von den Touristen, sondern auch von den Einheimischen gern genutzt.

Entlang des Radwegs gibt es immer wieder erklärende Hinweistafeln über die Flora und Fauna. Schön ist beispielsweise auch der Panoramablick in Radebeul mit "Friedenskirche, Jacobstein, Sternwarte, Wasserturm, Friedensburg, Bismarckturm, Spitzhaus, Lutherkirche".

Zwischen Strehla und Meißen führt der Weg direkt am Wasser entlang auf dem ehemaligen Treidelpfad. Das historische Pflaster wurde z.B. an der "Rosenmühle" über einige Meter bewahrt. Das ist hübsch, wenn auch der Genuss am mühelosen Radeln dadurch ein wenig gestört wird. Warum aber das verhasste und insbesondere bei Nässe wegen des Schmierseifen-Effekts äußerst gefährliche Kopfsteinpflaster in Kurven und an Kreuzungen der neu gebauten Radwege verwendet wurde, muss der fahrradfeindlich wiehernde Amtsschimmel erst noch erklären. Ansonsten muss man nur kurze Strecken entlang von Straßen radeln, weil die Lücken noch nicht vollständig geschlossen sind. Insgesamt ist der Radweg in Sachsen in einem sehr guten Zustand.
In Sachsen-Anhalt - insbesondere nördlich von Magdeburg - ist er weniger komfortabel, weil der Weg oft über holprige Feldwege führt und nur selten geteert ist. Die Feld- und Radwege sind zwar landschaftlich ansprechend, es müssen aber auch mehr oder minder befahrene Landstraßen genutzt werden. Auch holprige Kopfsteinpflasterstraßen bleiben den Fahrradtouristen nicht erspart.

In Brandenburg befinden sich auf dem überregionalen Elbe-Radweg häufig Hinweise auf regionale Rundrouten, was manchmal verwirrend ist. Auch müssten einige Streckenabschnitte besser ausgebaut werden. Angesichts von 240 Millionen DM aus Steuermitteln für eine Autorennstrecke in der Lausitz sollten doch ein paar Tausender für einen guten Radweg übrig sein.
Im sich anschließenden Niedersachsen verläuft die Route meist auf asphaltierten Radwegen neben oder auf dem Elbdamm. Nur auf Teilstücken muss auf normale Autostraßen ausgewichen werden. Die Wegstrecke von Hamburg nach Cuxhaven verläuft fast ausschließlich auf asphaltierten Radwegen und kleinen Landstraßen ohne Steigungen. Allerdings hat man meist Gegenwind, der aus westlicher Richtung weht.

Apropos Gegenwind. Da die Elbe nur über einen geringen Höhenunterschied verfügt - selbst zwischen den 260 km entfernten Städten Schöna und Dessau beträgt er trotz des Durchbruchs durch das Elbsandsteingebirge gerade mal 60 Meter - gehört sie zu den "langsamen" Flüssen. Deshalb ist es unerheblich, ob der Fahrradtourist stromauf- oder stromabwärts radelt. Die vorherrschenden westlichen Windrichtungen und die, elbaufwärts gesehen, stetig interessanter werdende Landschaft sprechen für das Radeln in Richtung Prag.

In der tschechischen Republik verläuft der Elbe-Radweg meist auf kleinen ruhigen Landstraßen, mäßig befahrenen Autostraßen, unbefestigten Feldwegen oder Uferpfaden. In Prag verläuft die Route zum Großteil auf Radwegen durch Parkanlagen. Entlang der Moldau wird die Reise teilweise etwas abenteuerlicher, da die Uferwege nur abschnittsweise ausgebaut wurden.

Erfreulich ist, dass die Tschechen den Elbe-Radweg von der deutsch-tschechischen Grenze bis Decin auf der westlichen Uferseite verlängert haben. Die Grenze überquert man mit dem Fahrrad ohne Kontrolle und Formalitäten, während man am östlichen Ufer die langen Autoschlangen am Grenzübergang betrachten kann. Der neue Radweg ist asphaltiert, nahezu autofrei und gut ausgeschildert. Die Steigung nach der Umfahrung von Certova Voda ist allerdings eine ziemliche Herausforderung für einen gewöhnlichen Fahrrad-Touristen, der ja nicht über die Kletterqualitäten eines Lance Armstrong oder Jan Ullrich verfügt. Der steinige Weg entlang der Bahntrasse sollte schnellstmöglich hergerichtet werden.

Schwierig wird es, wenn man von Decin die Heimfahrt mit dem Zug antreten möchte. Denn die DB AG, das selbsternannte "Unternehmen Zukunft", erweist sich als wenig fahrradfreundlich. Die Regionalzüge, in denen die Fahrradmitnahme möglich ist, überqueren die deutsch-tschechische Grenze nicht. Im EuroCity Prag-Dresden-Berlin, dem einzigen grenzüberschreitenden Zug, ist die Fahrradmitnahme nicht gestattet. So kann der Fahrradtourist nur mit dem Raddampfer um 15.45 von Decin nach Deutschland zurück fahren, wenn er nicht radeln will. In Bad Schandau angekommen, gibt es für ihn aber keine Zugverbindung mehr nach Berlin. Deshalb wird die Rückfahrt von Decin nach Berlin teurer, weil sie eine zusätzliche Übernachtung erfordert. Zudem dauert sie mit knapp sieben Stunden auch doppelt so lange wie die Direktverbindung mit dem EuroCity. Das viermalige Umsteigen mit vollbepacktem Fahrrad ist auch nicht gerade komfortabel.

Wäre die Fahrradmitnahme im EuroCity möglich, würde nicht nur der Fahrgast profitieren, sondern auch die DB AG, weil dieser Zug dann stärker genutzt und nicht - wie meist üblich - halbleer durch die Landschaft fahren würde. Die Fahrradtouristen und auch die Elb-Anrainer würden es der DB AG danken, wenn in diesem Zug möglichst bald die Fahrradmitnahme erlaubt wäre.

Unabhängig von diesem Defizit ist der Fahrradtourist mit dem Notwendigen bestens versorgt. Der österreichische "Esterbauer-Verlag" hat das für solche Fahrradtouren notwendige Kartenmaterial mit dem zweiteiligen Elbe-Radtourenbuch in der Reihe "bikeline" erstellt. "Elbe-Radweg Teil 1" enthält die Informationen von Prag bis Magdeburg, Teil 2 beschreibt die Route von Magdeburg bis Cuxhaven.

Mit präzisen Karten im Format der Lenkertasche, verlässlichen Routenbeschreibungen mit Hinweisen auf die Beschaffenheit der Wege und das kulturelle und touristische Angebot der Region bietet "bikeline" eine gute Orientierung. Hinzu kommt ein umfangreiches Übernachtungsverzeichnis mit Adressen und Telefonnummern. Trotz des Tourismus-Booms kann man auch in der Sächsischen Schweiz auf eine Hotel-Reservierung verzichten.

Der erste Teil mit dem Abschnitt durch das Elbsandsteingebirge wurde seit seinem Erscheinen 1997 nun schon zum vierten Mal aufgelegt. Die Neu-Auflagen werden immer wieder überarbeitet, so dass sie die aktuellen Veränderungen berücksichtigen.

Mit dem Elbe-Radweg sind nun alle wichtigen deutschen Flüsse für den Fahrrad-Tourismus erschlossen. In Zukunft muss es darauf ankommen, diese Routen mit den existierenden Radwanderwegen zu verbinden, damit in den nächsten Jahren auch in Deutschland ein attraktives Radfernwegenetz existiert.