Born in Europe - New Identities

25. August 2004 zur Übersicht

Rede zur Ausstellungseröffnung des Museums Neukölln im Martin-Gropius-Bau

"Born in Europe - New Identities" heißt diese Ausstellung, und dieses Europa hat sich in den letzten Jahren gewaltig verändert. Mit der Erweiterung der Europäischen Union wurde die Nachkriegs-Epoche abgeschlossen und mit dem Beitritt der mittel- und osteuropäischen Staaten zur EU wurde die Spaltung Europas endgültig überwunden. Für die Zukunft besteht die berechtigte Hoffnung, dass in Europa das Jahrhundert des kriegerischen Gegeneinander durch die Perspektive eines friedlichen Miteinander abgelöst wird.

Wir Deutsche haben besonderen Anlass, für diese Entwicklung dankbar zu sein. Denn es war Deutschland, das den Zweiten Weltkrieg begonnen und die Völker Europas mit Krieg, Not und Elend überzogen hat. Vor 65 Jahren, am 1. September 1939, haben deutsche Truppen das Nachbarland Polen überfallen und besetzt. In diesem Krieg verlor Polen ein Fünftel seiner Bevölkerung. Das dürfen gerade wir Deutsche niemals vergessen und auch deshalb bewegt es mich, bewegt es uns, dass Polen nun zur EU gehört und nach dem Rhein auch die Oder zu einem gemeinsamen und nicht mehr zu einem trennenden Fluss geworden ist!

Der Weg vom Feind zum Nachbarn, ja zum guten Freund ist - nach allem, was passiert ist - sicherlich kein kurzer Weg. Und gerade deshalb gibt es dazu keine Alternative.

Wenn heute aus Nachbarn Freunde werden sollen, können wir auf dem Fundament aufbauen, das Adenauer, de Gaulle und de Gaspari gelegt haben. Ihnen gelang es, ehemals verfeindete Staaten miteinander zu versöhnen. So kam es z.B. zwischen Deutschland und Frankreich nicht nur zu guter Nachbarschaft, sondern zu persönlichen Beziehungen der Menschen und zu Freundschaft.

Das war nicht leicht. Ich kann mich noch gut an meine ersten Auslandsreisen als Pennäler nach Holland und Frankreich erinnern. Irgendwann sagten meine holländischen und französischen Freunde zu mir: Du bist ja ganz nett, aber mit den Deutschen, mit diesen grässlichen Deutschen dürfte man eigentlich kein Wort wechseln. Die Briten reagierten auf die feine englische Art: Nachdem sie mich an meinem deutschen Akzent erkannt hatten, fragten sie höflich, aus welcher holländischen Stadt ich denn käme.

In den westeuropäischen Nachbarländern konnten solche Aversionen erst sehr langsam und in einem intensiven Verständigungsprozess abgebaut werden. Das muss uns jetzt auch mit den mittel- und osteuropäischen Nachbarn gelingen.

Die - erstmalige - Einladung eines deutschen Bundeskanzlers, in Polen an der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstandes teilzunehmen, ist ein erster und wichtiger Schritt; weitere müssen folgen.

Bei diesem Prozess hat die Kultur eine besondere Aufgabe: Die Künstlerinnen und Künstler sind die Botschafterinnen, die Pioniere der menschlichen Begegnung. Sie eignen sich besonders gut, um Barrieren zu überwinden und Brücken zu bauen.

Österreich - insbesondere die Stadt Wien - hat das frühzeitig erkannt und fördert seit Jahren den Kulturaustausch. Die Stadt organisierte und organisiert gemeinsame Projekte und Ausstellungen mit Künstlerinnen und Künstlern der Beitrittsländer, deren Ergebnisse dann in Städten beider Länder der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Leider hat der Senat die Mittel für den internationalen Kulturaustausch um 90 % gekürzt, so dass gar nichts mehr stattfindet. Die historische Aufgabe aber wäre gewesen, sie auf den Kulturaustausch mit den mittel- und osteuropäischen Beitrittsstaaten zu konzentrieren.

Um so wichtiger ist die Initiative einzuschätzen, die mit der Ausstellung "Born in Europe - New Identities" vom Museum Neukölln ausgeht, von einem Bezirk, der eine Jahrhunderte alte Tradition im Zusammenleben und Zusammenwirken der unterschiedlichsten Kulturen hat.

Deshalb: Ein herzliches Dankeschön für dieses Engagement an alle Beteiligte, insbesondere an die Kulturamtsleiterin Frau Dr. Dorothea Kolland und den Museumsleiter Udo Gößwald.

Europa - und insbesondere seine Vielfältigkeit - wird uns durch diese Ausstellung näher gebracht. Und die Europäischen Institutionen sind gar nicht so weit weg, wie viele denken. Vielfach wissen wir es nur nicht, oder wollen es nicht wahrhaben, was dort im "fernen" Europa alles für uns entschieden wird.

Die Qualität der Luft, die wir atmen und die des Wassers, das wir trinken, hängt ganz wesentlich auch davon ab, welche Anstrengungen unsere Nachbarn unternehmen. Die Umweltstandards der EU gelten in allen Ländern.
Und da sie nun auch in Polen und Tschechien umgesetzt werden, profitieren auch wir davon. Zu Mauerzeiten gab es in Berlin ständig Smog-Alarm, war das Wasser der Werra versalzen. Nach dem Fall der Mauer war das nicht mehr der Fall. Und gerade wir in der Region Berlin-Brandenburg befinden uns nicht mehr im Schatten der zweigeteilten Welt, sondern mitten im Zentrum der Europäischen Union. Deshalb haben gerade wir mit der Umweltgesetzgebung der EU eine bessere Perspektive für unser Leben und unsere Gesundheit.

Nah ist uns Europa auch in den Kleinigkeiten des Alltags. Die schadhafte Küchenmaschine, der defekte Wecker, das nicht funktionierende Radio: Dass es dafür statt einer sechsmonatigen nun eine zweijährige Garantiezeit gibt, verdanken wir dem EU-Parlament, das dieses Gesetz - zusammen mit dem Rat und der Kommission - im Interesse der Bürgerinnen und Bürger beschlossen hat.

Nach der Aussöhnung mit den westlichen Nachbarn muss nun auch die Verständigung mit unseren mittel- und osteuropäischen Nachbarn gelingen.
Die Erfahrung bei der Überwindung der Spaltung Berlins kann dabei sicherlich sehr nützlich sein. Und der Beitrag der Kultur: Denn wir haben es nicht vergessen - auch wenn im politischen Alltag des Kalten Krieges Eiszeit herrschte - es waren die Künstlerinnen und Künstler, denen es immer wieder gelang, den Gedankenaustausch voranzubringen.

Die Erfahrungen mit der Ausstellung "Born in Europe - New Identities", die ja durch den EU-Fonds Kultur 2000 gefördert wurde, werden sicherlich auch einfließen in die Beratungen über die Neuauflage der Kulturförderung in diesem Bereich. Ich bedanke mich nochmals bei allen, die daran mitgewirkt haben und wünsche Ihnen und uns allen, dass diese Arbeit von vielen Menschen auch durch ihren Besuch gewürdigt wird.

Michael Cramer, MdEP, 20. August 2004