Am Pranger für eine gute Tat: Kraftfahrtbundesamt fordert von Daimler Rückrufaktion

26. April 2017 zur Übersicht

Artikel erschienen in "Frankfurter Rundschau" am 26.04.2017

Klimaanlagen-Chemikalie soll ausgetauscht werden

Von Joachim Wille

Der Streit um das Kältemittel R1234yf für Klimaanlagen in Automobilen eskaliert. Die Bundesregierung macht jetzt Druck auf den Daimler-Konzern: Der Stuttgarter Autobauer ist nach FR-Informationen vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Flensburg aufgefordert worden, eine Rückruf-Aktion für Pkw zu starten, die in den Jahren 2013 bis 2016 noch mit dem herkömmlichen Kältemittel R134a ausgerüstet wurden. Der Konzern soll die Chemikalie nun aus den Klimaanlagen entfernen und die umstrittene Nachfolger-Substanz R1234yf einfüllen. Es können rund 150 000 Pkw betroffen sein. Das KBA untersteht dem Bundesverkehrsministerium.

Daimler hatte sich dagegen gesperrt, die von den US-Chemiekonzernen entwickelte neue Chemikalie einzusetzen, weil sie bei Tests, die die Stuttgarter durchführten, zu Bränden im Motorraum geführt hatte. Dabei waren giftige, im Ernstfall lebensgefährliche Schadstoffe entstanden.

Das Bundesverkehrsministerium und das KBA ließen Anfragen der FR bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Auch Daimler äußerte sich am Dienstag nicht konkret zu dem Vorgang. Man sei "mit dem den Behörden regelmäßig im Austausch - auch zum Thema Kältemittel", hieß es auf Anfrage. Daimler steht unter anderem die Option offen, juristisch gegen die KBA-Aufforderung vorzugehen.

Hintergrund der Aktion gegen Daimler ist ein Vertragsverletzungsverfahren, das die EU gegen die Bundesrepublik Deutschland angestrengt hat. Brüssel hält das Vorgehen der hiesigen Behörden für nicht zulässig. Mercedes-Modelle hatten vom KBA auch nach dem 1. Januar 2013 noch die Zulassung für den Straßenverkehr erhalten, obwohl sie mit der Alt-Chemikalie R134a ausgerüstet waren. Diese war laut EU-Recht in neuen Modellen nach dem Stichtag eigentlich nicht mehr zulässig. Brüssel hatte eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) damit begründet, die deutschen Behörden hätten trotz Aufforderung nichts unternommen, um die EU-Richtlinie durchzusetzen, die das neue R1234yf vorschreibt. Damit drohten der Bundesrepublik millionenschwere Strafzahlungen. Wird die KBA-Rückrufaktion durchgesetzt, ist dies vom Tisch

Die neue Klima-Chemikalie sollte seit 2011 schrittweise das bisher verwendete R134a ersetzen. Anlass für den Wechsel des Kältemittels ist eine EU-Richtlinie, die für derartige Stoffe ein niedrigeres Treibhaus-Potenzial (Global Warming Potential, GWP) fordert. Seit Anfang 2017 sind Kältemittel mit niedrigem GWP-Wert danach für sämtliche Neuwagen Pflicht. Das neue Kältemittel R1234yf erfüllt diese Anforderung zwar, wird von Umweltexperten jedoch gegenüber dem inzwischen ebenfalls einsatzreifen natürliche Kältemittel CO2 nicht nur wegen der Brandgefahr als deutliche schlechtere Alternative betrachtet. R1234yf ist ein Produkt der Fluorchemie. Unter anderen das Umweltbundesamt (UBA) spricht sich für die Alternative CO2 aus.

Daimler hat als Alternative neuartige Klimaanlagen entwickelt, die mit CO2 als Kältemittel arbeiten, und dafür einen dreistelligen Millionenbetrag investiert. Der Konzern bietet sie bisher allerdings nur in der teuren S-Klasse an, die E-Klasse soll folgen. In der restlichen Modellen nutzt der Konzern das vorher von ihm bekämpfte R1234yf, allerdings zum Teil kombiniert mit speziellen Schutzeinrichtungen, die Brände ausschließen - eine Art Feuerlöscher im Motorraum. Die Stuttgarter haben aber angekündigt, die CO2-Klimaanlagen sukzessive in den anderen Modellen einzusetzen. Auch VW favorisiert eine schrittweise Umstellung auf die neuen Aggregate, die ohne R1234yf laufen. Als erstes soll das Audi-Topmodell A8 eine CO2-Klimaanlage bekommen. Alle anderen Hersteller sind auf die US-Chemikalie umgestiegen.

Politiker und Umweltexperten kritisieren das Vorgehen des KBA gegen Daimler. Der EU-Europaabgeordnete Michael Cramer (Grüne) bezeichnete die Anweisung, auf R1234yf umzusteigen, als "im Wortsinne brandgefährlich". Er forderte die EU-Kommission auf, längere Übergangsfristen zur Einführung von Klimaanlagen mit dem Kältemittel CO2 zu ermöglichen, so dass die Hersteller komplett auf die "sichere und umweltfreundliche Alternative umsteigen können". Weiterer Vorteil sei, dass die Autobauer dann "nicht mehr von einem Monopol-Unternehmen abhängig sind". Cramer war Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Europaparlament. Der Verkehrsexperte Axel Friedrich nannte die Aktion gegen Daimler einen "unglaublichen Vorgang". "Da wird ein Hersteller dafür bestraft, dass er sich in Sicherheitsfragen vorbildlich verhält", sagte er . Kommt es zum Rückruf der Pkw, dürfte das Daimler eine zweistellige Millionensumme kosten.