Am Eisernen Vorhang entlang geradelt

10. Oktober 2014 zur Übersicht

Artikel erschienen auf stuttgarter-zeitung.de am 10. Oktober 2014

Weil im Schönbuch - Ohne Lektüre steigt Peter Wacker selten in die Badewanne. Eines Tages las er – während eines Bads – etwas über den sogenannten Iron Curtain Trail, einen Radweg entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. 9000 Kilometer, von der Küste der Barentssee bis an das Schwarze Meer. Bei Peter Wacker prickelte es sofort. Er wollte selbst einmal die Strecke abfahren – mit seiner Frau Marianne Winter. Sie schafften das Abenteuer in drei Etappen. Die letzte absolvierten sie in diesem Jahr binnen acht Wochen.

„Oh Gott, oh Gott, dachte ich zuerst, als mein Mann mir seinen Plan schilderte“, sagt die 62 Jahre alte Marianne Winter. Bis dato hatten die beiden öfters Radtouren durch den Schönbuch unternommen. „Damals bin ich meinem Mann kaum hinterher gekommen.“ Denn der 58-Jährige ist durchtrainiert, fährt täglich mit dem Rad von Breitenstein nach Stuttgart zur Arbeit.

<section id="id_671cae81_5a27_4edf_a81d_6c96d3ca24e7" class="contentbrick art_verweis"></section></section><//section>

Marianne Winter kaufte sich ein Pedelec, „um wieder Spaß bei den Touren zu haben“. Peter Wacker hatte sich bereits vor Jahren ein richtiges Reiserad aus Aluminium zugelegt mit 14 Gängen. Kostenpunkt: 3000 Euro. So eines besorgte sich die Breitensteinerin auch, „denn auf der Iron-Curtain-Route konnte ich ja nicht mit einem Elektrorad fahren“. Schließlich hatten sie sich darauf einzustellen, dass sie durch einsame Gegenden kommen würden. Weit entfernt von einer Steckdose, an der man einen Akku hätte aufladen können.

Tour auf drei Etappen zurückgelegt

Im Sommer 2012 ging es los. Die Abenteurer flogen nach Norwegen und starteten in Kirkenes. Drei Wochen lang durchquerten sie die wald- und seenreiche Landschaft. 1800 Kilometer bis Kesälahti im Süden Finnlands. Täglich legten sie 80 bis 100 Kilometer zurück. „Aber zuletzt wir drei Tage nacheinander im Regen gefahren“, erinnert sich Wacker. Und als der Wetterbericht keine Besserung versprach, fingen sie an zu zweifeln. „Wir hatten tagsüber zwischen sieben und zehn Grad Celsius und fragten uns: ,Warum machen wir das eigentlich’“, berichtet Winter. Zudem gab es „Mücken, Mücken und Mücken“.

Die Sinnfrage aber war rasch beantwortet. „Es ging uns um die Bewegung, um die Naturerlebnisse und um besondere Begegnungen mit Menschen, die ein Autofahrer auf den abgeschiedenen Strecken sonst nie treffen würde“, sagt Winter.

Einmal seien sie in Finnland an einem überdachten Grillplatz vorbeigekommen und wollten ihr Zelt im Trockenen aufschlagen. Eine Frau kam vorbei und lud sie ein, doch bei ihr zu übernachten. „Es gab auch eine Sauna“, schildert Wacker die Glücksmomente von durchnässten und durchgefrorenen Radfahrern, „es war ein Geschenk des Himmels.“

Im Internet fanden sich damals nur wenig Berichte darüber, dass jemand diese Reise angetreten ist und von Erfahrungen erzählte. Deshalb hatte das Radlerduo zusammengepackt, was es für leicht und sinnvoll hielt. Jeder hatte 22 Kilogramm Gepäck. Zur Ausrüstung zählte Kleidung, die für zwei Tage reichte. „Wir hofften darauf, auf Campingplätzen waschen zu können“, sagt Marianne Winter. Natürlich hatten sie auch Ersatzschläuche dabei und Flickzeug. Neben Wasserflaschen und dem Kartenmaterial führten sie ein Tablet mit und ein Fahrradnavi, in dem die Route gespeichert war. Auch ein Spiritusbrenner durfte nicht fehlen, auf denen sie Nudeln mit Tomatensoße kochten, wenn sie an keinem Gasthaus vorbeikamen. Manchmal gab es auch Kässpätzle.

Die zweite Etappe im vergangenen Jahr war dann schon etwas leichter, obwohl mit 2700 Kilometern um einiges länger als die erste. Sechs Wochen Urlaub hatte sich das Paar genommen. Für Marianne Winter kein Problem, weil sie sich in Altersteilzeit befindet. Für Peter Wacker schon. Aber der Jurist hatte seine Chefin von seinem Vorhaben überzeugen können – auch davon, dass er für die letzte Etappe in diesem Jahr sogar zehn Wochen bei der Arbeit fehlen müsse.

In Russland zum Zahnarzt

Vom südfinnischen Kesälahti ging es bei der zweiten Tour zunächst nach St. Petersburg. „Als wir beim Ortsschild ankamen, dachten wir, wir sind gleich da“, sagt Wacker. Doch weit gefehlt. Danach hieß es noch weitere 40 Kilometer strampeln bis zur Pension in der Innenstadt. „Manchmal hat es sich gezogen“, berichtet Winter. Wo die beiden Radwege vermuteten, gab es mitunter nur eine holprige Straßen. Sie stießen auf verlassene Grenzhäuschen und Überbleibsel des Eisernen Vorhangs mit Markierungssteinen. Über Estland, Lettland, Litauen führte sie der Iron Curtain Trail ins russische Kaliningrad. „Ich kaute Lakritze und musste etwas ausspucken“, so Wacker, „kurz darauf merkte ich, dass mir eine Plombe fehlte.“ Ein russischer Zahnarzt musste dem Zahn eine neue Füllung verpassen.

Ansonsten brachte das Radlergespann auch die dritte Tour vom polnischen Kolberg bis ans Schwarze Meer unfallfrei hinter sich. Um jeweils an ihre Startorte zu gelangen, hatten sie den Zug, beziehungsweise bis Kesälahti zusätzlich auch eine Fähre genommen. 4500 Kilometer galt es auf der letzten Etappe zu absolvieren, die sie auch durch das Mittelgebirge der Rhön führte und durch Gebiete, „in der es keine Menschenseele gab“, so Marianne Winter. An einem Abend schlugen sie im dortigen Naturpark ihr Zelt auf. Die wilden Camper hatten lediglich noch einen Apfel und einen Müsliriegel zum Abendbrot. „Dann ist etwas für uns Ungewöhnliches passiert“, berichtet die 62-Jährige. „Auf einmal kam eine junge Frau und lud uns zum Geburtstagsfest ihres Vaters ein, das in der Rhönklubhütte ein paar hundert Meter entfernt gefeiert wurde. Es gab viel und leckeres Essen, und es war warm.“

Später wurden die beiden für ihre Strapazen auf den bergigen Strecken – auf denen die ohnehin schlanken Trail-Abenteurer einige Kilogramm an Körpergewicht verloren – auch oft belohnt. Wenn etwa der Weg endlich flach wurde nach der Kurverei an der tschechischen Grenze entlang. „Auf der Südtour kann man den Sommer genießen“, schwärmt Marianne Winter, „die liebliche Landschaft und die Gerüche.“ Der Gebirgslandschaft auf dem Balkan sind sie zuletzt ausgewichen und sind dafür lieber den direkten Weg an der Donau entlang geradelt. „Vor allem der Durchbruch der Donau durch die Karpaten war atemberaubend“, erzählt Marianne Winter, „so etwas muss man erlebt haben.“

Ob die beiden Weilemer demnächst mit ihren Rädern erneut zu einem längeren Trip aufbrechen, wissen sie noch nicht. Aber vielleicht liest Peter Wacker ja wieder einmal von einer vielversprechenden Tour – in der Badewanne.

Initiative
Der Iron Curtain Trail soll Geschichte „erfahrbar“ machen. Der Eiserne Vorhang trennte Europa für fast 50 Jahre in Ost und West. Entlang des ehemaligen Grenzstreifens im Westen der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten wurde auf Initiative des Berliner Europaabgeordneten Michael Cramer (Grüne) ein 9000 Kilometer langer Radweg ausgewiesen. Er gilt als ein beispielhaftes europäisches Projekt für nachhaltigen Tourismus und soll einen Beitrag für das Zusammenwachsen Europas leisten. Weitere Details zu der Route lassen sich im Internet unter der Adresse www.ironcurtaintrail.eu abrufen.

Informationen
Auf der Internetseite www.radweltreisen.de fassen Marianne Winter und Peter Wacker ihre Erlebnisse zusammen und geben Tipps zur Ausrüstung und zum Kartenmaterial.